|
Ab 1960 erreichten die tödlichen
Verkehrsunfälle im Bundesgebiet jährlich neue Rekordmarken. Die Amerikaner
machten es vor, und auch bei uns gab man dem Versuch, die Autofahrer mit
abschreckenden Bildern und Filmen über Schwerverletzte, Leichen und
Autotrümmer zur Räson zu bringen, große Chancen. Doch die erhoffte
abschreckende Wirkung blieb hüben wie drüben aus.
Die Psychologen haben dafür plausible
Erklärungen. Jedenfalls weiß man seitdem auch, dass Horrorbilder im
Unterricht wenig geeignet sind, bei Fahrschülern nachhaltig regeltreues,
defensives Verhalten zu fördern. Freilich, für den Moment ist man nach
solchen Bildern oder Videos betroffen. Sogar manch guter Vorsatz mag
gefasst werden. Aber meist ist schon bald danach alles Schall und Rauch.
So erklärt es sich, dass viele Fahrer schon kurz nach dem Vorbeifahren an
einem schlimmen Unfall wieder ins alte Muster - volle Pulle und dicht auf
- verfallen. Wenn Bilder von Unfällen nachhaltige Wirkung erzeugten,
müssten die Fahrer von Rettungswagen, Feuerwehrleute und Notärzte zu den
vorsichtigsten Fahrern überhaupt gehören. Die Statistik zeigt, dass diese
Folgerung nicht zutrifft. Nicht nur der Schrecken nach Unfällen, sondern
auch die im Verkehr ständig drohende
Gefahr, schuldlos in einen Unfall
verwickelt werden zu können, wird erfolgreich verdrängt. "Das alles hat
mit mir nichts zu tun", sagt das Unterbewusstsein. Und wahrscheinlich ist
das gut so, denn ein Leben ohne Gefahren gibt es nicht.
Geschäfte mit dem Entsetzen
Neuerdings werden den Fahrschulen
Unterrichtsvideos angeboten, die Originalaufnahmen der Folgen schwerer
Unfälle zeigen. Wer solche Filme macht, will sie verkaufen, das liegt auf
der Hand. Ein Verlag hat dazu sogar eine Zeitschrift - Revolverblatt wäre
geschmeichelt - für Fahrschulen und Fahrschüler herausgebracht. Indes, die
Schreiber entlarven sich selbst, denn sie berichten beispielsweise von
einem Unfall, bei dem ein Fahrer, dessen Pkw von einem vorsichtig
einparkenden Fahrschulwagen "gerammt" wurde, ein Halswirbelschleudertrauma
davontrug. Für wie dumm halten diese Schreiberlinge eigentlich die
Fahrlehrer?
Die Entscheidung, solche
Unterrichtsmaterialien zu kaufen und sie im Unterricht einzusetzen, hat
jeder Fahrlehrer selbst zu treffen. Mir fiel sie leicht. Die Teilnehmer am
diesjährigen Kontaktstudium an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch
Gmünd haben sich intensiv mit dem Einsatz von Medien im
Fahrschulunterricht befasst. Sie kamen zur Erkenntnis, dass in den Köpfen
der Fahrschüler mit sachlichen Informationen und positiven Beispielen viel
leichter und vor allem nachhaltiger die Bereitschaft zu
sicherheitsbetontem, rücksichtsvollem und umweltbewusstem Verhalten
geweckt werden kann.
Jürgen Bauer |