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Im letzten Jahr erreichten den Verband
einige Beschwerden über Fahrschulen, die angeblich ihre Fahrschüler auf
der Autobahn zu schnell fahren lassen. Der schwere Raser-Unfall bei
Karlsruhe, der einer jungen Frau und ihrer kleinen Tochter das Leben
kostete, rückte die Diskussion um dieses Thema in ein neues Licht.
Ein aufgebrachter Vater warf einem
Fahrlehrer verantwortungsloses Handeln vor, weil er von dessen Sohn
verlangt hatte, auf der Autobahn mit 170 km/h bis 180 km/h zu fahren. Der
Vater berief sich dabei vor allem auf die Richtgeschwindigkeit von 130
km/h und meinte, Fahranfänger seien zuvorderst zu einem
verantwortungsbewussten, defensiven und umweltschonenden Fahrstil
anzuhalten. Ein höheres Tempo als Richtgeschwindigkeit sei aber mit diesen
Zielen nicht vereinbar. Überdies könne sich ein Lenkfehler des
Fahrschülers bei so hoher Geschwindigkeit verheerend auswirken. In diesem
Zusammenhang sei auch das richtungweisende Urteil des BGH zu beachten,
wonach Mitverschulden vorliege, wenn nicht nachweisbar sei, dass der
Unfall auch bei Einhaltung der Richtgeschwindigkeit nicht zu verhindern
gewesen wäre. Diese Einwände des Vaters, so meine ich, muss man gelten
lassen.
Über 130 ist nicht immer falsch
Indes, gelegentlich fallen Schüler ganz
unversehens in ein höheres Tempo als 130. Da ist dann nicht in jedem Fall
sofort eine harsche Ermahnung oder gar ein Eingriff angesagt. Entscheidend
ist immer auch der Ausbildungsstand, wie überhaupt das Tempo auch
wesentlich vom Vermögen des Schülers bestimmt sein sollte. Besonders
wichtig aber ist, dass dem Schüler die hohe Geschwindigkeit bewusst ist
und der Fahrlehrer ihm demonstriert, wie viel schneller die Abstände jetzt
dahin schmelzen. Der Schüler muss auch erfahren, wie früh er einen
Fahrstreifenwechsel einleiten und wie weit im Voraus er besonders die
nachfolgenden Fahrzeuge beobachten muss.
Drängen und scheuchen?
Es ist jedoch keinesfalls vertretbar, etwa
bedächtige oder ängstliche Fahrschüler zu für sie unangenehm hohen
Geschwindigkeiten zu drängen. In einem Fall soll der Fahrlehrer das Gas
selbst in "die Hand genommen" und den sich bei der hohen Geschwindigkeit
unbehaglich fühlenden Fahrschüler als "Weichei" verspottet haben. Ebenso
inakzeptabel ist die Äußerung jenes Fahrlehrers, der in einer Versammlung
kundtat, bei ihm müsse jeder Fahrschüler auf der Autobahn mit 190 km/h
fahren. Den Widerspruch der Kolleginnen und Kollegen versuchte er mit der
äußerst bedenklichen Bemerkung zu kontern: "Alles andere ist in meinen
Augen keine sinnvolle Ausbildung, denn die jungen Leute rasen später ja
sowieso!"
Krieg auf unseren Straßen?
Diese Haltung ist eines Fahrlehrers
unwürdig. Wer so denkt und solche Saat legt, muss sich über die Früchte
nicht wundern. Abschließend noch ein Gedanke dazu: Ist es nicht sehr
interessant zu beobachten, wie relativ selten man überholt wird und wie
oft man selbst überholt, wenn man mit 130 km/h unterwegs ist? Man sollte
sich nicht auf Gemeinplätze wie "Die rasen doch alle" einlassen. Wer
genauer hinschaut, wird feststellen, das Wort vom "Krieg auf unseren
Straßen" ist eine überzogene Phrase.
Jürgen Bauer |