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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 26.10.11

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Dezember /2005, Seite 644

Ein Blick nach Europa

Die Harmonisierung zeigt noch Lücken

 

Ob diese Lücken je geschlossen werden, ist ungewiss. Das folgende Interview mit Alessandro Rudello, 37, seit 15 Jahren Fahrlehrer und seit 10 Jahren Inhaber einer Fahrschule in Mailand, macht einmal mehr deutlich, dass im Ringen um die Professionalität der Fahrausbildung in Europa noch viele Runden anstehen. Rudello ist nationaler Berater des größten italienischen Fahrlehrerverbandes, der UNASCA. Das Interview führte Gebhard L. Heiler am 15. Oktober 2005 in Mailand.

FPX: Herr Rudello, wie laufen in diesen Tagen die Geschäfte in der Region Mailand?

Rudello: Von einem Boom zu sprechen, wäre stark übertrieben. Der Geschäftsgang ist schwach bis normal. Was zurzeit ein bisschen besser geht, ist das Patentino („das Führerscheinchen“, Anm. Redaktion), das ist der Führerschein für zwei- bis vierrädrige Kraftfahrzeuge bis 50 ccm Hubraum und maximal 45 km/h bauartbedingter Höchstgeschwindigkeit für 14- bis 18-Jährige.

FPX: Wann wurde der Patentino in Italien eingeführt?

Rudello: Seit 1. Juli 2004 ist dieser Führerschein für die genannten Fahrzeuge obligatorisch. Bis dahin konnte dieser Führerschein im Wege einer Besitzstandregelung ohne Prüfung erworben werden, wenn der Bewerber nachweislich schon bisher solche Fahrzeuge geführt hatte. Seit 1. Juli 2004 ist das Patentino für 14- bis unter 18-Jährige obligatorisch, für 18-Jährige und ältere war es das nicht. Seit 1. August 2005 müssen nun auch Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben und keinen anderen gültigen Führerschein besitzen, den Patentino erwerben, wenn sie Mopeds oder Kleinautos fahren wollen.

FPX: Ist dafür eine Ausbildung vorgeschrieben?

Rudello: Wer am 30.09.2005 18 Jahre alt war, muss keine Prüfung ablegen, aber eine theoretische Ausbildung von 12 Stunden besuchen. Wer diese Ausbildung absolviert hat, erhält darüber von der Fahrschule eine Bescheinigung, die zum Führen der genannten Fahrzeuge berechtigt. Alle 14- bis 17-Jährigen und alle, die das 18. Lebensjahr am 1. Oktober 2005 oder danach vollenden, müssen eine Prüfung ablegen, um den Patentino zu kriegen.

FPX: Keine praktische Ausbildung?

Rudello: Nein, keine obligatorische praktische Ausbildung für diesen Führerschein, doch die UNASCA bietet freibleibend zwei praktische Übungsstunden an. Aber auch die Bewerber um diesen Führerschein müssen sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen.

FPX: Muss die Ausbildung zum Patentino in einer Fahrschule absolviert werden?

Rudello: Nein, der Kurs wird für die 14- bis unter 18-Jährigen auch in den öffentlichen Schulen angeboten. Ein Fahrlehrer, der von der Provinzregierung bezahlt wird, hält den Unterricht in den Schulen. Für die Schüler ist der Unterricht kostenlos.

FPX: Kommt da jeder Fahrlehrer einmal dran oder sind das wenige Auserwählte?

Rudello: Die Provinzregierung schreibt den Auftrag öffentlich aus. Die UNASCA, unser Verband, hat sich darum beworben und den Zuschlag bekommen. So sind an den Schulen in der Provinz Mailand nur Mitglieder der UNASCA berechtigt, diesen Unterricht zu erteilen.

FPX: Gab es bei der Ausschreibung Konkurrenz?

Rudello: Ja, zum Beispiel die Polizei, auch die FEDER.T.A.I. (FEDERAZIONE TITOLARI AUTOSCUOLE ITALIANE), das ist ein weiterer Nationaler Fahrlehrerverband, der ein wenig kleiner als die UNASCA ist, aber auch der ACI (Automobil Club Italiano) betätigen sich auf diesem Gebiet.

FPX: Nun zum Autoführerschein, also Klasse B. Was kostet dieser Führerschein?

Rudello: Rund 500 € für die Theorie, die medizinische Untersuchung und den Verwaltungsaufwand der Fahrschule. Hinzu kommen die Fahrstunden.

FPX: Ist eine bestimmte Anzahl von Fahrstunden vorgeschrieben? Muss auch auf der Autobahn und bei Nacht geschult werden?

Rudello: Es gibt keine Mindeststundenregelung in Italien, und es ist den Fahrschulen verboten, auf der Autobahn und auf Schnellstraßen zu üben. Fahren bei Nacht ist freiwillig, manche Fahrschulen bieten das jedoch an.

FPX: Was ist Durchschnitt bei den Fahrstunden?

Rudello: Etwa 10 Stunden.

FPX: Volle Stunden?

Rudello: Ja, 60 Minuten, aber manche Fahrschulen teilen auch alle 30 Minuten ein.

FPX: Was kostet eine Stunde?

Rudello: Durchschnittlich 25 €. Aber auch „Pakete“ sind üblich. Manche Fahrschulen setzen für alles bis zur Prüfung einen Pauschalpreis von beispielsweise 800 € an.

FPX: Wie sieht es mit der Ausbildung durch Laien aus?

Rudello: Etwa 40 Prozent meiner Schüler üben privat. Dazu benötigt man in Italien eine Genehmigung, die sog. Foglio Rosa, die in der Regel die Fahrschule ausstellt, aber auch bei der für die Fahrprüfung zuständigen Behörde beantragt werden kann.

FPX: Und die anderen 60 Prozent, kommen die mit 10 Stunden hin?

Rudello: Nicht alle, manche brauchen auch wesentlich mehr.

FPX: Können die vom Vater ausgebildeten Kinder auf dessen Auto die praktische Prüfung ablegen?

Rudello: Seit Anfang 1993 ist für die praktische Fahrprüfung die Begleitung durch einen Fahrlehrer in einem mit Doppelbedienung ausgestatten Lehrfahrzeug der Fahrschule zwingend vorgeschrieben.

FPX: Kurz noch zu einem anderen Punkt. Wie wird man in Italien Fahrlehrer?

Rudello: Man muss mindestens 21 Jahre alt sein. In Italien gibt es zwei Arten der Qualifikation: einmal den Fahrlehrer, der nur praktisch unterrichten darf, zum Zweiten den Fahrlehrer, der nur theoretischen Unterricht erteilen darf.

FPX: Ist eine Ausbildung vorgeschrieben?

Rudello: Die theoretische Ausbildung ist nicht obligatorisch, jedoch besucht die Mehrheit einen theoretischen Kurs einer bestimmten Fahrschule. Die Prüfung ist aber vorgeschrieben. Für den Theorie-Fahrlehrer besteht die Prüfung aus drei Teilen: Erstens eine Multiple-choice-Befragung, 60 Fragen, maximal vier Fehler zulässig, zweitens Abfassung eines Fachaufsatzes und drittens eine mündliche Lehrprobe. Wer nur praktisch unterrichten will, muss einen Quiz-Test, eine mündliche Prüfung, eine ausgedehnte Fahrprüfung auf einem Omnibus und eine Lehrprobe auf einem Lehrfahrzeug mit einem echten Schüler und einem Examinator bestehen.

FPX: Herr Rudello, ich danke für das Gespräch.

 

FahrSchulPraxis
Ausgabe Dezember 2005

Erscheinungsdatum 15.12.2005

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