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Ob diese Lücken je geschlossen werden, ist
ungewiss. Das folgende Interview mit Alessandro Rudello, 37, seit 15
Jahren Fahrlehrer und seit 10 Jahren Inhaber einer Fahrschule in Mailand,
macht einmal mehr deutlich, dass im Ringen um die Professionalität der
Fahrausbildung in Europa noch viele Runden anstehen. Rudello ist
nationaler Berater des größten italienischen Fahrlehrerverbandes, der
UNASCA. Das Interview führte Gebhard L. Heiler am 15. Oktober 2005 in
Mailand. FPX: Herr Rudello,
wie laufen in diesen Tagen die Geschäfte in der Region Mailand?
Rudello: Von einem Boom zu sprechen,
wäre stark übertrieben. Der Geschäftsgang ist schwach bis normal. Was
zurzeit ein bisschen besser geht, ist das Patentino („das
Führerscheinchen“, Anm. Redaktion), das ist der Führerschein für zwei- bis
vierrädrige Kraftfahrzeuge bis 50 ccm Hubraum und maximal 45 km/h
bauartbedingter Höchstgeschwindigkeit für 14- bis 18-Jährige.
FPX: Wann wurde der Patentino in
Italien eingeführt?
Rudello: Seit 1. Juli 2004 ist
dieser Führerschein für die genannten Fahrzeuge obligatorisch. Bis dahin
konnte dieser Führerschein im Wege einer Besitzstandregelung ohne Prüfung
erworben werden, wenn der Bewerber nachweislich schon bisher solche
Fahrzeuge geführt hatte. Seit 1. Juli 2004 ist das Patentino für 14- bis
unter 18-Jährige obligatorisch, für 18-Jährige und ältere war es das
nicht. Seit 1. August 2005 müssen nun auch Personen, die das 18.
Lebensjahr vollendet haben und keinen anderen gültigen Führerschein
besitzen, den Patentino erwerben, wenn sie Mopeds oder Kleinautos fahren
wollen.
FPX: Ist dafür eine Ausbildung
vorgeschrieben?
Rudello: Wer am 30.09.2005 18 Jahre
alt war, muss keine Prüfung ablegen, aber eine theoretische Ausbildung von
12 Stunden besuchen. Wer diese Ausbildung absolviert hat, erhält darüber
von der Fahrschule eine Bescheinigung, die zum Führen der genannten
Fahrzeuge berechtigt. Alle 14- bis 17-Jährigen und alle, die das 18.
Lebensjahr am 1. Oktober 2005 oder danach vollenden, müssen eine Prüfung
ablegen, um den Patentino zu kriegen.
FPX: Keine praktische Ausbildung?
Rudello: Nein, keine obligatorische
praktische Ausbildung für diesen Führerschein, doch die UNASCA
bietet freibleibend zwei praktische Übungsstunden an. Aber auch die
Bewerber um diesen Führerschein müssen sich einer medizinischen
Untersuchung unterziehen.
FPX: Muss die Ausbildung zum
Patentino in einer Fahrschule absolviert werden?
Rudello: Nein, der Kurs wird für die
14- bis unter 18-Jährigen auch in den öffentlichen Schulen angeboten. Ein
Fahrlehrer, der von der Provinzregierung bezahlt wird, hält den Unterricht
in den Schulen. Für die Schüler ist der Unterricht kostenlos.
FPX: Kommt da jeder Fahrlehrer
einmal dran oder sind das wenige Auserwählte?
Rudello: Die Provinzregierung
schreibt den Auftrag öffentlich aus. Die UNASCA, unser Verband, hat
sich darum beworben und den Zuschlag bekommen. So sind an den Schulen in
der Provinz Mailand nur Mitglieder der UNASCA berechtigt, diesen
Unterricht zu erteilen.
FPX: Gab es bei der Ausschreibung
Konkurrenz?
Rudello: Ja, zum Beispiel die
Polizei, auch die FEDER.T.A.I. (FEDERAZIONE TITOLARI AUTOSCUOLE
ITALIANE), das ist ein weiterer Nationaler Fahrlehrerverband, der ein
wenig kleiner als die UNASCA ist, aber auch der ACI
(Automobil Club Italiano) betätigen sich auf diesem Gebiet.
FPX: Nun zum Autoführerschein, also
Klasse B. Was kostet dieser Führerschein?
Rudello: Rund 500 € für die Theorie,
die medizinische Untersuchung und den Verwaltungsaufwand der Fahrschule.
Hinzu kommen die Fahrstunden.
FPX: Ist eine bestimmte Anzahl von
Fahrstunden vorgeschrieben? Muss auch auf der Autobahn und bei Nacht
geschult werden?
Rudello: Es gibt keine
Mindeststundenregelung in Italien, und es ist den Fahrschulen verboten,
auf der Autobahn und auf Schnellstraßen zu üben. Fahren bei Nacht ist
freiwillig, manche Fahrschulen bieten das jedoch an.
FPX: Was ist Durchschnitt bei den
Fahrstunden?
Rudello: Etwa 10 Stunden.
FPX: Volle Stunden?
Rudello: Ja, 60 Minuten, aber manche
Fahrschulen teilen auch alle 30 Minuten ein.
FPX: Was kostet eine Stunde?
Rudello: Durchschnittlich 25 €. Aber
auch „Pakete“ sind üblich. Manche Fahrschulen setzen für alles bis zur
Prüfung einen Pauschalpreis von beispielsweise 800 € an.
FPX: Wie sieht es mit der Ausbildung
durch Laien aus?
Rudello: Etwa 40 Prozent meiner
Schüler üben privat. Dazu benötigt man in Italien eine Genehmigung, die
sog. Foglio Rosa, die in der Regel die Fahrschule ausstellt, aber auch bei
der für die Fahrprüfung zuständigen Behörde beantragt werden kann.
FPX: Und die anderen 60 Prozent,
kommen die mit 10 Stunden hin?
Rudello: Nicht alle, manche brauchen
auch wesentlich mehr.
FPX: Können die vom Vater
ausgebildeten Kinder auf dessen Auto die praktische Prüfung ablegen?
Rudello: Seit Anfang 1993 ist für
die praktische Fahrprüfung die Begleitung durch einen Fahrlehrer in einem
mit Doppelbedienung ausgestatten Lehrfahrzeug der Fahrschule zwingend
vorgeschrieben.
FPX: Kurz noch zu einem anderen
Punkt. Wie wird man in Italien Fahrlehrer?
Rudello: Man muss mindestens 21
Jahre alt sein. In Italien gibt es zwei Arten der Qualifikation: einmal
den Fahrlehrer, der nur praktisch unterrichten darf, zum Zweiten den
Fahrlehrer, der nur theoretischen Unterricht erteilen darf.
FPX: Ist eine Ausbildung
vorgeschrieben?
Rudello: Die theoretische Ausbildung
ist nicht obligatorisch, jedoch besucht die Mehrheit einen theoretischen
Kurs einer bestimmten Fahrschule. Die Prüfung ist aber vorgeschrieben. Für
den Theorie-Fahrlehrer besteht die Prüfung aus drei Teilen: Erstens eine
Multiple-choice-Befragung, 60 Fragen, maximal vier Fehler zulässig,
zweitens Abfassung eines Fachaufsatzes und drittens eine mündliche
Lehrprobe. Wer nur praktisch unterrichten will, muss einen Quiz-Test, eine
mündliche Prüfung, eine ausgedehnte Fahrprüfung auf einem Omnibus und eine
Lehrprobe auf einem Lehrfahrzeug mit einem echten Schüler und einem
Examinator bestehen.
FPX: Herr Rudello, ich danke für das
Gespräch. |