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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 26.10.11

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe September/2006, Seite 512

Pommes-Öl statt Diesel?

Auf dem Weg zu alternativen Kraftstoffen

 

Die Autofahrer blechen an der Tankstelle wie nie zuvor. Weder Appelle der Politiker noch die Drohung mit Sondersteuern konnten die unersättlichen Öl-Multis beeindrucken. Obwohl deshalb weltweit nicht weniger Rohöl gefördert wird, ist jedes politische Geplänkel in den Erdölförderregionen als Grund für das fortwährende Anziehen der Preisschraube willkommen. Und unser angeblich so sozialer Staat kassiert immer kräftig mit.

Bleibt also den in finanzielle Geiselhaft genommenen Autofahrern nur das Klagen? Nein, sagen viele Experten und zeigen nach Schweden, wo man seit Jahren erfolgreich an einer Zukunft ohne Erdöl arbeitet. Der Alternativkraftstoff E 85, ein Gemisch aus 85% Ethanol und 15% Benzin, ist dort auf dem besten Weg zum Renner an den Tankstellen zu werden. Nach jüngsten Berichten fahren in Schweden schon mehr als 35.000 Fords, Volvos und Saabs mit diesem Sprit. Es sind Flexi-Fuel-Autos, die sowohl mit Benzin pur als auch mit eben diesem E 85 betrieben werden können. Die Schweden greifen bei diesen Autos neuerdings richtig zu, ihr Marktanteil wächst in diesem Jahr zweistellig. Sähe man die Kauflust rein idealistisch, würde man auf den wesentlich geringeren Ausstoß von Schadstoffen verweisen. Aber noch viel mehr wird es wohl der gegenüber dem Benzin um rund 45 Eurocent geringere Literpreis sein, der unsere skandinavischen Nachbarn zum Kauf der Flexis motiviert. Solche Lösungen haben wir in Deutschland leider noch nicht aufzuweisen. Zu lange hat man hier auf das „billige“ Erdöl gesetzt, das längst nicht mehr billig ist. Brasilien zeigt uns gerade sehr eindrucksvoll, wie Erdöl bei einem Preis von 75 US-Dollar pro Barrel durch erneuerbare Energien kostenneutral ersetzt werden kann.

Fahrschulautos sind „Großverbraucher“

Die Spritpreise gehen allmählich ans Eingemachte und treffen Vielfahrer besonders hart. So sind im Verhältnis zu privat genutzten Fahrzeugen voll ausgelastete Fahrschulautos 50- bis 60.000 Kilometer pro Jahr unterwegs und somit Großverbraucher. Auch ein sehr sparsamer Diesel frisst auf dieser gigantischen Strecke etwa 3600 Liter pro Jahr. Wenn dabei 45 Cent pro Liter gespart werden könnten, würde sich das auf sage und schreibe 1.620 € pro Jahr addieren. Aber wo gibt es diesen steuerbegünstigten Kraftstoff in Deutschland?

Erdgas

Unter den steuerbegünstigten Kraftstoffen nimmt das (fossile!) Erdgas zurzeit einen vorderen Rang ein. Erdgasmotoren sind eine umweltschonende Antriebstechnik. Beim Verbrennen fallen ca. 25% weniger CO2 an als bei Benzin. Damit erreicht Erdgas die günstigste CO2-Bilanz unter allen fossilen Energieträgern. Daneben sind es 75% weniger Kohlenmonoxid, und der Ausstoß von Stickoxiden und sonstigen Kohlenwasserstoffen liegt um bis zu 80% niedriger. Auch im Vergleich zum Diesel schneidet Erdgas hervorragend ab.

Neuwagen ja - Umrüstung besser nicht!

Alle Experten raten von der relativ teuren Umrüstung auf Erdgas ab (bis zu 5.000 €). Hinzu kommt, dass bei Nachrüstung die Tanks im Kofferraum untergebracht werden müssen und diesen erheblich verkleinern. Viel günstiger sieht es bei Neuwagen aus, die schon werkseitig für den Erdgasbetrieb ausgerüstet sind, aber bisher nur für bestimmte Typen angeboten werden. Die Mehrkosten betragen hier ca. 2500 €. VW bietet den Touran und den Caddy Life, nicht aber den Golf und den Polo an; und bei Mercedes gibt es nur ein E-Klasse-Modell, das auf Erdgasbetrieb ausgelegt ist. Ganz ähnlich mau sieht es bei den anderen Herstellern aus.

Was kostet Erdgas?

Ein Kilo Erdgas entspricht etwa 1,5 l Benzin. Der Leistungsverlust gegenüber Benzin liegt bei etwa 10%, und die Beschleunigung ist etwas weniger flott als bei Benzinbetrieb. Bei einem Kilopreis von 89 Cent (bei Redaktionsschluss) amortisiert sich der Mehrpreis für die Anschaffung eines Neuwagens bei einer angenommenen Fahrleistung von 60.000 Kilometern pro Jahr innerhalb von 6 bis 8 Monaten. Der Erdgasbetrieb ist problemlos. Pannen gibt es so gut wie nicht, jedenfalls nicht häufiger als bei mit Benzin gefütterten Otto-Motoren. Wenn nicht rechtzeitig Erdgas nachgetankt wird, steht eine Reserve von - je nach Typ - 10 bis 14 Litern Benzin zur Verfügung, auf die umgeschaltet werden kann. Auch beim Crash sind die Autos laut ADAC nicht weniger sicher als mit Benzin betriebene.

Wo Tanken?

Fast 700 Erdgastankstellen sind bundesweit schon in Betrieb, und laufend kommen neue hinzu. Wo sich diese befinden, erfährt man im Internet unter  www.routenplaner24.de/tankstellen.In Baden-Württemberg gibt es zurzeit rd. 130 gut gestreute Zapfsäulen für Erdgas. Auch in den europäischen Nachbarländern ist Erdgas als Auto-Kraftstoff im Kommen, aber die Tankstellen sind bei weitem noch nicht so stark verbreitet wie hierzulande. Dies bedeutet, dass der Aktionsradius von Erdgas-Autos im Inland praktisch unbegrenzt ist, Fahrten ins Ausland jedoch etwas sorgsamer geplant werden müssen.

Autogas (Flüssiggas)

Autogas ist eine Mischung aus Propan und Butan, wobei der Anteil von Butan meist wesentlich geringer ist als der von Propan. Es verbrennt deutlich umweltfreundlicher als Benzin, sodass der Schadstoffausstoß um 85% geringer ist als bei Benzin. Ursache der deutlich saubereren Verbrennung ist, dass die Kohlenwasserstoffketten der Propan- und Butanmolekühle deutlich kürzer sind als die von flüssigen Benzin- und Dieselkraftstoffen. Autogas ist für Ottomotoren die zurzeit (noch) lukrativere Alternative, obwohl es auf Autogas ausgelegte Neuwagen so gut wie nicht gibt. Das Tankstellennetz ist beim Autogas wesentlich dichter als beim Erdgas, gerade auch im benachbarten Ausland.

Umrüstung

Die Umrüstung eines Autos der Golfklasse kostet einschließlich Zusatztank und zusätzlichem Einfüllstutzen ca. 2.400 €. Da der Tank häufig in der Ersatzteilmulde Platz findet, wird der Kofferraum nicht so stark beschnitten wie beim Umbau auf Erdgas. Der Literpreis für Autogas betrug bei Redaktionsschluss z.B. in Mannheim 63 Cent. Der Mehrverbrauch gegenüber dem Benzinbetrieb liegt bei maximal 15%. Rechnet man diesen „Schwund“ hinzu, kostet ein Liter rd. 73 Cent, also stark die Hälfte von einem Liter Superkraftstoff. Der Umbau amortisiert sich unter gegenwärtigen Bedingungen nach ca. 30.000 km. Die Betonung liegt auf gegenwärtig, denn nach dem seit 1. August 2006 geltenden Energiesteuergesetz läuft die derzeitige Steuerbegünstigung für Autogas am 31. Dezember 2009 aus, während die für Erdgas bis zum 31. Dezember 2020 gilt.

Biodiesel

Auf den ersten Blick scheint Biodiesel das Ei des Columbus zu sein. Billig, sparsam, umweltfreundlich, keine oder nur geringe Leistungsminderung. Sieht man genauer hin, ist die Aussicht weniger strahlend. Die Hersteller liefern neuerdings keine neuen, auf Biodiesel ausgelegte Pkw mehr aus. Schuld ist der nunmehr bei fast allen Diesel-Pkw serienmäßige Partikelfilter, der sich mit Biodiesel nicht verträgt und deshalb schon nach kurzer Zeit „verkleben“ würde. Alle Hersteller warnen, Biodiesel zu tanken, wenn das Auto darauf technisch nicht ausgelegt ist. Biodiesel ist aggressiv und greift die Dichtungen im gesamten Kraftstoffsystem an. Von der steuerbegünstigten Beimischung zu normalem Dieselkraftstoff hat der Verbraucher nichts, weil sich das an der Tankstelle nicht preissenkend auswirkt. Und wer glaubt, er könne es jenem in der Presse immer wieder bejubelten Bastler nachmachen und künftig seinen Fahrschul-Pkw an der Fritten-Bude kostenlos mit Gebrauchtöl aus der Friteuse betanken, wird seinem Motor bestimmt keine Freude machen.

Fazit

Erdgas: Weil die als Fahrschulwagen gängigen Typen noch nicht für Erdgas ausgelegt sind und die Umrüstung teuer und technisch nicht ganz unproblematisch ist, ist das Erdgas betriebene Fahrschulauto zurzeit keine sonderlich reizvolle Alternative.

Autogas: Besser sieht es bei Autogas aus, jedoch mit der Einschränkung, dass ab 31. Dezember 2009 die zurzeit noch geltende steuerliche Begünstigung ganz wegfallen kann und der Preis an der Tankstelle dann gleichhoch wie der für Benzin sein wird. Doch angesichts der relativ kurzen Haltedauer von Fahrschulwagen lohnt sich der Umbau jedenfalls zurzeit noch.

Biodiesel: Viele Lkw vertragen Biodiesel ohne weiteres und sind von den Herstellern dafür freigegeben. Bei Pkw sieht es nicht gut aus, aber wer weiß, vielleicht findet sich dafür irgendwann eine technische Lösung.

Bei Betrachtung aller Für und Wider wird, einmal abgesehen vom Umbau auf Flüssiggas, bis auf weiteres wohl ein sparsamer Diesel die richtige Anschaffung für den Fahrschulbetrieb sein.

GLH

FahrSchulPraxis
Ausgabe September 2006

Erscheinungsdatum 15.09.2006

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