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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 26.10.11

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe November/2006, Seite 628

Klasse CE-XXXL

Sind Monster-Laster die Lösung?

 

Auf der diesjährigen IAA-Nutzfahrzeuge in Hannover war der neue Super-Lastzug Thema Nr. 1. Das Pro, wie könnte es auf einer Industriemesse anders sein, war weit stärker vertreten als das Kontra. Indes, beim Gedanken an Kolosse von 60 Tonnen Gesamtmasse und einer Gesamtlänge von 25 Meter kommen auch fortschrittlich gesinnte Zeitgenossen ins Grübeln.


Bild: DaimlerChrysler-Presse

Der Güterverkehr wird nach letzten Prognosen der Wirtschaft bis 2015 um mehr als 20 Prozent zulegen. Dabei wird, so VDA-Präsident Dr. Bernd Gottschalk, der Lkw „mit einem Marktanteil von über 70 Prozent weiterhin das Rückgrat des Verkehrssystems bilden“. Nach Gottschalk ist das Bundesfernstraßennetz für eine weitere Steigerung des Güterverkehraufkommens nur unzureichend gerüstet. Damit hat er wohl Recht, denn der Straßenneu- und -ausbau hat mit dem in den letzten 15 Jahren gewaltig gewachsenen Lkw-Verkehr nicht im Entferntesten mitgehalten. Gottschalk befürchtet, dass „die Kapazität der Straßeninfrastruktur immer mehr zum limitierenden Faktor für einen funktionierenden Güterverkehr in Deutschland und im erweiterten Europa wird".

Mehr Trucks auf die Schiene

Warum, so fragt man sich angesichts dieser düsteren Aussichten, bringt man nicht endlich mehr Trucks auf die Schiene? Diese Frage ist seit den 60er Jahren immer wieder gestellt worden. Schon Georg Leber, Bundesverkehrsminister von 1966 bis 1972, wollte den schweren Lkw von der Straße verbannen. Er ist damit gescheitert. Er hatte wohl – wie manche Eiferer noch heute – übersehen, dass die Kapazität des Schienennetzes ebenfalls limitiert ist. Was aber vor allem wiegt, ist die Geschwindigkeit des Warentransports, die mehr denn je wettbewerbsrelevant ist: Wer gestern via Internet bestellt hat, will spätestens morgen beliefert werden. Um die Größenordnung deutlich zu machen, der kombinierte Verkehr (Straße/Schiene) macht derzeit gerade mal 3,4 Prozent der gesamten Verkehrsleistung aus.

Optimierung des Fahrzeugeinsatzes

Die Vermeidung von Leerfahrten, sollte man meinen, liege im wirtschaftlichen Interesse aller Betreiber von Nutzfahrzeugen. Leider lässt der Wettbewerb dies oft nicht zu, so dass unser knapper Straßenraum täglich noch immer von vielen unbeladenen und somit volkswirtschaftlich nicht nur nutzlos, sondern schädlich durch die Gegend fahrenden Lastzügen in Anspruch genommen wird. Hier könnten durch Kooperation und Koordination der Unternehmen noch Millionen Kilometer eingespart werden. Aber statt hier stärker anzusetzen, wird der 60-Tonnen-Gigant als angeblich besonders ökologische und ökonomische Alternative zum 44-Tonner hochgejubelt. Wer glaubt, mit diesen Riesenbrummern werde es Leerfahrten nicht mehr geben, kennt das Transportgeschäft nicht.

Modellversuche

Bisher laufen die Gigaliner (Krone) und der Ecocombi (Mercedes) nur im Rahmen von Modellversuchen. Niedersachsen hat damit angefangen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen folgten. Laut Bundesverkehrsministerium ist der Betrieb von 25 Meter langen Lastzügen rechtswidrig, es hat deshalb schon kurz nach Beginn des Modellversuchs das Land Niedersachsen aufgefordert, diesen einzustellen. Von dort freilich ging lapidarer Bescheid nach Berlin: Das Land darf das, wir machen weiter, und wer uns das verbieten will, ist innovationsfeindlich, basta!

Die Für und Wider

Die Protagonisten des Super-Lastzugs führen einiges ins Feld, das näherer Prüfung wert scheint:

  • weniger Fahrten trotz steigenden Transportaufkommens,
  • Kraftstoffverbrauch und Schadstoffausstoß sinken um 20%,
  • zwei 60-Tonner können drei 40-Tonner ersetzen,
  • weniger öffentlicher Parkraum erforderlich,
  • durch größere Anzahl der Achsen Verringerung der Achslast, damit Schonung der Straßen,
  • bei konsequentem Einsatz könnte die Anzahl der Lkw trotz steigenden Wachstums gehalten oder sogar gesenkt werden,
  • in Schweden und Finnland haben sich die Großen im Regeleinsatz gut bewährt, das Gleiche hört man von einem in den Niederlanden breit angelegten Versuch.

Die Gegner halten im Wesentlichen dagegen, der Monster-Lastzug

  • bewirke wegen der möglichen Kostensenkung die Rückverlagerung des Verkehrs von der Schiene auf die Straße,
  • bedeute wegen der großen Masse und Länge ein zusätzliches Sicherheitsrisiko,
  • schade den Straßen und vor allem den Brücken.

Die Einführung der Gigaliner, so das Resümee der Antagonisten, sei ökonomisch und verkehrspolitisch unsinnig. Wer sie wolle, wolle weg von der Schiene und somit noch stärker auf die Straße.

Bundesanstalt begleitet Modellversuch

Der Feldversuch in Baden-Württemberg (Eco-combi von DaimlerChrysler) wird von der Bundesanstalt für Straßenwesen BASt begleitet. Sie wird die erhobenen Daten auswerten und die Chancen und Risiken der neuartigen Fahrzeugkombinationen analysieren. Herauskommen soll die Antwort auf die Frage, ob längere und schwerere Nutzfahrzeugkombinationen zur Entlastung von Umwelt und Straße beitragen können.

Fahrausbildung und Prüfung

Obgleich die Eco-combis und Gigaliner so viel wuchtiger und mit allen denkbaren Assistenzsystemen und Höchstleistungsmotoren ausgerüstet sind, genügt der Führerschein Klasse CE (also auch für besonders wettbewerbsbewusste Fahrschulen kein Grund, sich jetzt gleich einen Eco-combi oder Gigaliner zu bestellen). Doch zurück zur Realität. Weil bisher nur wenige dieser Giganten unterwegs sind, werden Begegnungen während der praktischen Fahrausbildung / Prüfung eher selten sein. Es sei denn, man begibt sich absichtlich auf die zwischen den DaimlerChrysler-Werken und dem Logistikzentrum des Werks Sindelfingen festgelegten Strecken. Aber selbst dann werden sich Fahrschüler nicht zu Tode erschrecken, denn in der Breite bleibt alles beim Alten. Was bei der Ausbildung von Bedeutung sein kann, ist die Länge der Riesen. Namentlich, wenn sie abbiegen, von Ausfahrten auf die Straße fahren, auf Vorfahrtstraßen einbiegen oder sie überqueren. Eine besonders spannende Prüfungsaufgabe für Fahrschüler wäre es sicher, auf Landstraßen mit Gegenverkehr einen solchen Giganten überholen zu sollen.

GLH

FahrSchulPraxis
Ausgabe November 2006

Erscheinungsdatum 15.11.2006

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