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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.10.11

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Dezember/2007, Seite 677

WAZ
_____________________

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

MEIN BLICKWINKEL

Manchmal hilft nur gesetzlicher Zwang

Prof. Franz Lehner über Trittbrettfahrer

Abdruck mit freundlicher
Genehmigung der
WAZ-Redaktion in Essen.

Viele gute Werke gehen schief, weil eine besondere Gruppe von Menschen und Organisationen tätig ist. Die Gruppe heißt "Trittbrettfahrer". Das sind Menschen oder Organisationen, die mit einem Zug mitfahren, aber dafür nicht bezahlen wollen.

Trittbrettfahrer sind beispielsweise Unternehmen, die händeringend qualifizierte Fachkräfte suchen, aber keine Ausbildungsplätze anbieten. Trittbrettfahrer sind auch Automobil-Unternehmen, die zwar immer wieder die Verantwortung der Wirtschaft für das Klima betonen, aber selber nicht bereit sind, dafür zu sorgen, dass ihre Fahrzeuge mit viel weniger Sprit auskommen.

Trittbrettfahrer sind Arbeitnehmer, die zwar froh sind, wenn die Gewerkschaften höhere Einkommen oder günstigere Arbeitsbedingungen erkämpfen, aber selber keine Gewerkschaftsbeiträge bezahlen. Trittbrettfahrer sind ganz alltägliche Menschen, Unternehmen oder Organisationen.

Schon vor vielen Jahren hat der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olsen gezeigt, dass wegen der vielen Trittbrettfahrer in der Gesellschaft das, was alle wollen, nie so gut erreicht wird, wie es alle wollen. Trittbrettfahrer sorgen dafür, dass das, was in der Gesellschaft für uns alle notwendig wäre, zu wenig geschieht - ob das nun Umweltschutz, qualifizierte Arbeitsplätze oder gute Ausbildung ist. Trittbrettfahrer sind auch verantwortlich dafür, dass das, was alle wollen, viel schwieriger zu bewerkstelligen ist als das, was wenige wollen. Sie sorgen dafür, dass die Interessenorganisationen und Verbände, welche die Interessen der großen Mehrheit in der Gesellschaft vertreten, viel weniger schlagkräftig sind, als die Organisationen, die Interessen kleiner Minderheiten vertreten.

Trittbrettfahrer sind eigentlich vernünftige Menschen, die aber für etwas, was sie haben wollen, nichts zahlen, wenn sie nicht müssen. Es sind Menschen, die sich zu Recht sagen können, dass ihr kleiner Beitrag zum großen Ziel doch fast unerheblich sei. Aber das stimmt nur bedingt: Wenn viele nicht zahlen, ist das große Ziel nicht zu erreichen. Das Dumme ist, dass gegen das im Einzelfall scheinbar harmlose Trittbrettfahren meist nur ein Kraut gewachsen ist: Zwang. Man muss ein Gesetz machen, wenn freiwillige Vereinbarungen wegen der Trittbrettfahrer nicht funktionieren - selbst wenn Trittbrettfahrer dann über den bösen Staat schimpfen.

Franz Lehner ist Professor für angewandte Sozialforschung an der Ruhr-Universität und Direktor des Instituts Arbeit und Technik der FH Gelsenkirchen.

 

FahrSchulPraxis
Ausgabe Dezember 2007

Erscheinungsdatum 15.12.2007

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