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„Der
konnte schon Traktor fahren, bevor er laufen gelernt hat.“ Solche
oder ähnliche Sprüche hört man gelegentlich, wenn Eltern ihren
15½-jährigen Sprössling für den Führerschein Klasse T anmelden.
Heißt das, der Junge ist fit für den Straßenverkehr, kann alles,
weiß schon alles, macht alles richtig?
Nein, das heißt es
nicht. Freilich, die Kinder von Landwirten fangen oft schon sehr
früh an, mit Zugmaschinen auf dem Hof und auf nichtöffentlichen
Feldwegen herumzugurken. Und so kam es, dass sich ein Vater beim
Fahrlehrerverband beschwerte, weil man angeblich seinem Sohn zu
viele Fahrstunden „aufgebrummt“ hat, obwohl er - laut seinem Vater -
nach drei Fahrstunden bereits ein sicherer Fahrer war.
Wie
war es wirklich?
Der gescholtene
Fahrlehrer berichtet:
- Erste Fahrstunde -
bei der Abfahrtkontrolle stellt sich heraus, dass die Beleuchtung
defekt ist. Deshalb werden nur Rangierübungen auf dem Hof
gefahren. Am Ende der Fahrstunde beherrscht der Sohn die
Grundfahraufgabe sicher.
- Zweite Fahrstunde
(90 Minuten) - die Mängel an der Beleuchtung sind behoben. Der
Fahrlehrer nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Die Fahrt führt
zunächst über landwirtschaftliche Wege auf die Bundesstraße und in
die nächste Ortschaft. Dort wird das Verhalten an Kreuzungen und
Einmündungen einschließlich des Abbiegens geübt. Im Großen und
Ganzen klappt alles. Der Fahrlehrer muss nur an wenigen Stellen
korrigierend eingreifen. Am Ende der Fahrt lobt ihn der Fahrlehrer
für seine Leistung.
Der
Papa weiß es ...
Zu Beginn der
nächsten Fahrstunde (geplant sind 90 Minuten) teilt der Vater dem
Fahrlehrer mit, dass er weitere Fahrstunden nicht mehr für
erforderlich hält. Schließlich habe der Fahrlehrer den Sohn ja sogar
gelobt. Der Fahrlehrer besteht auf weiteren Fahrstunden und verweist
auf seine Verantwortung und die Regelung in der
Fahrschüler-Ausbildungsordnung, wonach der Fahrlehrer den Bewerber
erst zur Prüfung vorstellen darf, wenn er der Überzeugung ist, dass
die Ausbildungsziele erreicht sind. So weit sei man aber noch nicht.
Der Sohn müsse noch weiter üben. Insbesondere sei die
Verkehrsbeobachtung noch unzureichend. Außerdem müsse der Sohn noch
lernen, alleine, also ohne den Fahrlehrer neben sich, auf dem
Traktor zu fahren. Eben das solle in der angesetzten Fahrstunde
geübt werden. Wenn der Sohn nicht weitere Fahrstunden absolviere, so
der Fahrlehrer, werde er ihn nicht zur Prüfung vorstellen.
Schließlich stimmt der Vater, wenn auch unter Protest, der Fahrt zu.
Am Ende der Fahrt
will der Vater vom Fahrlehrer wissen, wann der Sohn die Prüfung
ablegen kann. Der Fahrlehrer erklärt, dass er noch nicht abschätzen
könne, wie viele Fahrstunden noch bis zur Prüfungsreife erforderlich
seien. Er weist immer wieder auf die noch mangelhafte
Verkehrsbeobachtung hin. Nach weiteren vier Fahrstunden legt der
Sohn die Prüfung erfolgreich ab. Der Prüfer lobt ihn am Ende sogar
für seine umsichtige Fahrweise.
Fahrzeugbeherrschung ist nicht alles
Es ist bekannt, dass
viele Fahrer sich zu selten die Mühe machen, vor jedem Fahrtantritt
die Verkehrs- und Betriebssicherheit zu überprüfen, indem zum
Beispiel die Beleuchtung, der Reifendruck kontrolliert und die
Bremsen auf gleichmäßige Wirkung geprüft werden. Auch beim
„Verbinden oder Trennen“ haben Fahrschüler der Klasse T sich oft
teilweise riskante Verhaltensweisen bei „erfahrenen“ Leuten
abgeschaut. Deshalb ist es besonders wichtig, die in Anlage 3 Nr. 23
zur Fahrschüler-Ausbildungsordnung aufgeführten klassenspezifischen
Inhalte der Klasse T eingehend zu unterrichten. Beim Fahren mit dem
Traktor zeigen die Schüler meist ein gutes Gefühl für das Fahrzeug
und können auch den Platzbedarf des Fahrzeugs beispielsweise beim
Abbiegen gut einschätzen. Aber das darf nicht über ihre Defizite
beim Verkehrsverhalten hinwegtäuschen, zumal sie darin nicht immer
die besten Vorbilder hatten. Da tauchen immer wieder Fragen wie
diese auf:
- Warum soll ich am
Stopp-Schild anhalten, wenn ich sehe dass niemand kommt?
- Warum soll ich
immer blinken, bevor ich ausschere?
- Warum ist beim
Rückwärtsfahren ein Sicherungsposten wichtig?
- Warum muss ich die
Ladung sichern? Die ist doch so schwer und kann deshalb gar nicht
rutschen.
- Warum, warum,
warum?
Notwendigkeit der Ausbildungstransparenz
Wer kein Ziel hat,
kann nicht in die Irre gehen - er kommt aber auch nie an. Das gilt
auch für jede Art von Ausbildung. Ein Fahrschüler, der die
Ausbildungsziele nicht kennt und dem auch sein Ausbildungsstand
nicht bekannt ist, neigt dazu, ungeduldig zu werden. Das ist zu
vermeiden, indem man dem Fahrschüler am Beginn jeder einzelnen
Fahrstunde konkrete Ausbildungsziele nennt. So wird er auch
erkennen, wie sein Stand ist. Hätte der Fahrlehrer am Ende der
dritten Fahrstunde nicht ganz allgemein von nicht ausreichender
Verkehrsbeobachtung, sondern gegenüber Vater und Sohn konkret über
die Defizite gesprochen (unüberlegtes Annähern an Kreuzungen und
Einmündungen, Nichterkennen der Vorfahrtsituation, zu spätes
Wahrnehmen von Hindernissen usw.), wäre der Widerstand gegen weitere
Fahrstunden vielleicht gar nicht erst entstanden. Eine sauber und
gut geführte
Diagrammkarte hätte ein Übriges
getan, um die leidige Auseinandersetzung zu vermeiden.
Gezieltes Lob ist hilfreich
Das indifferente Lob
am Ende der zweiten Fahrt hinterließ beim Schüler den Eindruck, er
sei schon prüfungsreif. Es wäre besser gewesen, den Schüler für
konkrete gute Leistungen zu loben und zugleich deutlich
hervorzuheben, welche Ausbildungsziele noch nicht erreicht sind. So
vermeidet man Diskussionen um die Prüfung und motiviert für die
weitere Ausbildung. Wenn Fahrschüler am Ende der Fahrstunde ihre
Leistung selbst bewerten und auf der Ausbildungskarte ihren Stand
vermerken dürfen, gehen sie nach meinen Erfahrungen sehr
selbstkritisch zu Werke. Ich habe es häufig erlebt, dass ich eine
Übung als abgeschlossen eingestuft hätte, bei der mein Schüler noch
Wiederholungsbedarf anmeldete.
Darf es auch etwas mehr sein?
Bei der Klasse T hat
der Gesetzgeber keine Sonderfahrten vorgeschrieben. Dennoch sollte
man sich überlegen, ob man den Schülern nicht auch Extras anbieten
kann. Ich denke da beispielsweise an eine Fahrstunde bei Dunkelheit.
Wer eine transparente Ausbildung und für den Schüler sinnvolle
Extras anbietet, kann sich von den Mitbewerbern positiv durch
Leistung abheben und braucht keine reißerischen Sprüche.
Andreas Tschöpe
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