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Französische
Wissenschaftler berichteten über in Frankreich gemachte
Beobachtungen zum Lernprozess von Motorrad-Fahrschülern im realen
Straßenverkehr zur Verbesserung der Fahrerausbildung. Sie stellten
zunächst fest, dass Berichte über Motorradtrainings und
Unfallstudien Mängel der Fahranfängerprogramme offenbarten, woraus
folgerte, dass diese nicht ausreichend zur Reduzierung der
Unfallzahlen beitragen können. Das sei angesichts des
Unfallgeschehens äußerst bedenklich. Denn die Anzahl der tödlich
verunglückten Motorradfahrer in Relation zur Gesamtheit aller im
Straßenverkehr tödlich Verunglückten steige in Europa seit 1996 (Baldi
et al., 2005; IRT Project, 2007).
Das derzeitige
Forschungsprojekt der Universität von Paris zeige auf, dass
- erstens eine
Verbesserung der Trainings die allgemeine Sicherheit der
Motorradfahrer erhöhen könne und
- zweitens
systematische Studien über die Lerndynamik beim Fahren im realen
Umfeld notwendig seien, um die Motorradaus- und Weiterbildung
weiter zu verbessern.
Das
Forschungsdesign
Das auf der
Motorradkonferenz präsentierte Forschungsprogramm besteht aus einer
Untersuchung der Handlungsabläufe von zehn Motorradfahrern während
der Fahrausbildung in der Fahrschule, der Fahrprüfung und
anschließend unter realen Verkehrsbedingungen. Dabei bediente man
sich des theoretischen und methodologischen Gerüsts der
Ergonomieanalyse unter realen Bedingungen (Saad, 1999). Zahlenwerte
in Bezug auf Fahrdynamiken, audio-visuelle Aufzeichnungen des
Fahrerverhaltens und der Kommunikation wurden während des gesamten
Lernprozesses gesammelt. Die Ergebnisse der Feldstudie führten zu
mehreren Verbesserungsvorschlägen in den Bereichen Fahrausbildung
und Fahrsicherheitstrainings.
Erstausbildung in Frankreich
Die französische
Motorrad-Erstausbildung vollzieht sich in fünf Schritten:
- Beherrschen des
Motorrades im Langsamfahrbereich
- Beherrschen des
Motorrades bei normaler (innerörtlicher) Geschwindigkeit
- Wählen der
richtigen Position auf Fahrbahn und Fahrstreifen, Überqueren von
Kreuzungen und Abbiegen
- Fahren unter
normalen Bedingungen im innerörtlichen Verkehr
- Erkennen
problematischer Situationen
Die ersten beiden
Schritte werden auf einem Übungsplatz (130 Meter lang und 6 Meter
breit), die Schritte 3, 4 und 5 im öffentlichen Straßenverkehr
absolviert.
Prüfung
Zum Erwerb des
Führerscheins müssen zwei Prüfungen abgelegt werden. Die erste
erfolgt am Ende des Trainings auf dem Übungsplatz. Erst dann darf
mit dem Training im Straßenverkehr begonnen werden. Am Ende dieses
Trainings findet dann die zweite Prüfung im Straßenverkehr statt.
Sie dauert ca. 30 Minuten.
Zur
Ausbildungsrealität
Die Studie ergab,
dass französische Fahrschüler jede Grundfahraufgabe ca. 50 Mal
durchführen müssten, um dem Curriculum zu genügen, also ein
Übungspotential von ca. 500 Übungen absolviert werden sollte. Dies
sollte in 8 Fahrstunden geschehen. Tatsächlich wurden auf dem
Übungsplatz aber 23 Fahrstunden benötigt. Da aber nicht jede
Fahrschule einen eigenen Übungsplatz nahe der Fahrschule besitzt,
waren effektiv 34 Fahrstunden notwendig, da 11 Fahrstunden
(umgerechnet) für die Fahrt zwischen Übungsplatz und Fahrschule
erforderlich waren. Für das Training auf öffentlichen Straßen werden
laut Curriculum 12 Fahrstunden benötigt, in der Realität waren es
aber nur 2, weil das Fahren zwischen Fahrschule und Übungsplatz laut
Auskunft der Fahrlehrer zur Schulung verwendet wurde. Dies wurde
aber durch die Datenaufzeichnungen widerlegt: Auf der Fahrt zum
Übungsplatz sagte der Fahrlehrer über Funk eigentlich nur die
Fahrtrichtung, aber kaum etwas zum Verkehrsgeschehen, zu
Auffälligkeiten oder zur Position des Motorrades im Fahrstreifen.
Das Wichtigste war das sichere Erreichen des Übungsplatzes. Als
Ergebnis muss festgehalten werden, dass die Fahrschüler während
ihrer Ausbildung fast nur „abgekapselte“, in sich geschlossene
Fahrtechniken lernen. Als solche bezeichnet man Übungseinheiten (Grundfahraufgaben,
die Red.), die in einem bestimmten abgeschlossenen Bereich, also auf
Übungsplätzen, nach vorgegebenen Mustern erlernt werden. Um
verkehrsgerechtes Verhalten zu erlernen, bedarf es aber eingehender
Übung im Realverkehr, wo sich die Verkehrslage ständig ändert und
die eigenen Handlungen ständig überprüft und angepasst werden
müssen. Zudem belegten die Aufzeichnungen, dass die in Frankreich
übliche Ausbildung der Motorradfahrschüler diese nur auf die beiden
Prüfungen trainiert, sie aber nicht auf gefährliche Situationen und
sicheres Verhalten im Straßenverkehr vorbereitet.
Der
Simulator als Lösung?
Die Aufzeichnungen,
die nach der zweiten (endgültigen) Führerscheinprüfung erfolgten,
zeigen, dass die Fahrschüler zu wenig auf gefährliche Situationen
vorbereitet waren. Die daraus resultierende Frage lautet: Wie können
angehende Motorradfahrer lernen, mit gefährlichen Situationen
umzugehen, ohne sie in wirklich gefährliche Situationen zu bringen?
Die Lösung der französischen Forscher lautet:
Einsatz von Simulatoren.
Und sie listen
sogleich auch die Vorteile auf:
- kein
Benzinverbrauch,
- sind mehrere
Simulatoren vorhanden, kann ein Fahrlehrer gleichzeitig mehrere
Fahrschüler unterrichten,
-
Witterungsunbilden, Kurven, Fahrbahnzustände, schwierige
Verkehrsführungen und -situationen usw. können beliebig kombiniert
und beliebig oft trainiert werden.
Dabei entsteht kein
Verletzungsrisiko und der Fahrlehrer kann durch gezielte Schulung
das Gefahren- und Risikobewusstsein fördern. Einziger Haken dieser
„genialen“ Lösung: Einen so leistungsfähigen, dafür geeigneten
Simulator gibt es noch nicht. Deshalb wurde ein eigener Simulator
entwickelt, der sich allerdings noch im Stadium eines Prototyps
befindet.
Sicherheitsgurte
für Motorradfahrer war ein weiteres Thema der Konferenz. Die
Möglichkeit, den Motorradfahrer bei einer Kollision durch
Rückhaltesysteme zu sichern, wird bis heute nicht genutzt. Am
Dynamic Test Center in der Schweiz wurden in Eigeninitiative
verschiedene technische Möglichkeiten analysiert, wie der Freiflug
in eine verzögerte Bewegung umgewandelt werden und damit das
Verletzungsrisiko für den Motorradfahrer bei einem Unfall reduziert
werden könnte.
Bei der Wahl des
Rückhaltesystems wurde Wert auf ein mechanisch einfaches und
reversibles System sowie wegen einer besseren Akzeptanz auf ein
passives Wirken gesetzt. Damit wird der mögliche Schaden bei einer
Fehlauslösung für den Benutzer nicht zur Abschreckung. Im Falle
eines Sturzes oder ähnlicher Situationen, bei denen keine
Rückhaltekraft aufgebaut werden kann, trennt sich der Motorradfahrer
wie gewohnt von seinem Motorrad. In einer Versuchsreihe von
Motorrad-Schlittenversuchen und -Anprallversuchen mit leichten und
schweren Motorrädern in die Seite von stehenden Personenwagen konnte
die Wirksamkeit des Gurtsystems erwiesen werden. Dies nicht nur
unter Normbedingungen (ISO 13232), sondern auch bei einer Kollision
auf doppeltem Energieniveau mit 70 km/h. In den nächsten
Entwicklungsschritten müssen das Gurtzeug für den Einsatz am
Motorradfahrer optimiert und die biomechanischen Belastungen auf den
Körper bei einer Kollision weiter ermittelt werden. Andererseits ist
das Gurtschloss mit der entsprechenden Verriegelungsstrategie und
der Konstruktion zu entwickeln. So viel zum Anschnallen von
Motorradfahrern.
Wird es dafür einen Markt geben?
Die weitaus größere
Herausforderung werde aber darin liegen, auf dem Markt eine genügend
große Akzeptanz für ein Rückhaltesystem zu erreichen. Der Gedanke an
einen Motorradunfall werde durch die Fahrer üblicherweise verdrängt,
weshalb Motorradhersteller die passive Sicherheit nicht als
Marketinginstrument einsetzen wollten. Das Bewusstsein über die
Gefahren des Motorradfahrens könnte sich negativ auf die
Umsatzzahlen auswirken. Dies könnte sich sehr schnell ändern, wenn
der Gesetzgeber reagieren würde. Deshalb werde die Forschung
fortgesetzt.
Als aufmerksamer Beobachter und Zuhörer erlaube ich mir die
Bemerkung, dass dieses Projekt - ohne es nun mit einem Federstrich
abtun zu wollen - bei versierten, nachdenklichen Motorradfahrern
bestimmt auf eine ganze Reihe ernstzunehmender Wenn und Aber
stoßen wird. Mich jedenfalls konnten die Ausführungen nicht
überzeugen.
BMW forscht an
einem GPS-Wahrnehmungs- und Warnsystem, das die erfolgreichen
Aktivitäten des Hauses, Motorradfahren mittels durchdachten
realisierbaren (und erschwinglichen!) technischen Lösungen wie ABS
und ASC sicherer zu machen, fortsetzen soll. Zur weiteren Erhöhung
der Sicherheit wird ein besonderes Augenmerk auf vorausschauende
aktive Sicherheitskonzepte gelegt. Aus der Unfallanalyse folgt, dass
der Kreuzungsbereich einen Hauptunfallschwerpunkt darstellt. Um die
Sicherheit an Kreuzungen zu erhöhen, wird von BMW im Rahmen des
nationalen Förderprojekts AKTIV (Adaptive und Kooperative
Technologien für den Intelligenten Verkehr) ein Assistenzsystem zur
Vermeidung von Unfällen beim Einbiegen/Kreuzen entwickelt. Zur
Erfassung der Daten anderer Fahrzeuge wird auf die
Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation zurückgegriffen. Im Falle einer
potenziellen Vorfahrtsmissachtung durch einen anderen
Verkehrsteilnehmer erhält der Motorradfahrer eine Warnung und das
Motorrad erhöht selbstständig seine Wahrnehmbarkeit.
Meine
abschließende Bewertung der Konferenz fällt ambivalent aus. Zwar
stand die Sicherheit der Motorradfahrer im Vordergrund. Doch der
Tenor war eine „maschinengläubige“ Sicherheit, die den Fahrer
gleichsam neben sich stehen lässt. Bezeichnend dafür ist die
französische Studie: Ermittelte Defizite der Ausbildung führen nicht
etwa zu der Überlegung, besser ausgebildete (und motivierte!)
Fahrlehrer könnten helfen, nein, dafür muss eine Maschine her, die
es noch nicht einmal gibt. Diese Maschinengläubigkeit unterschlägt
den nachhaltigen positiven Einfluss einer von fachlicher und
pädagogischer Kompetenz, von Vorbild und Identifikation getragenen
Ausbildung durch den Fahrlehrer. Die personale Autorität des
Fahrlehrers, die auf eben diesen Eigenschaften und Merkmalen beruht,
ist m. E. für die Verankerung eines ausgeprägten Gefahren- und
Sicherheitsbewusstseins unersetzlich. Demzufolge hätte ich mir eine
stärkere Beachtung edukativer Komponenten im Zusammenhang mit der
Thematik Motorradsicherheit vorstellen können. Dennoch fand ich es
wert, dabei gewesen zu sein.
Karl-Heinz Hiller
Motorradreferent
Fahrlehrerverband Baden-Württemberg e.V.
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