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Wer in der
Motorradwelt Rang und Namen hat, fand sich wenige Tage vor der Intermot
zur diesjährigen Internationalen Motorradkonferenz (4. und 5. Oktober)
in Köln ein. Das vorweg: Für die Ausbildung von Motorrad-Fahrschülern
war die Veranstaltung nicht unbedingt eine Fundgrube neuer Erkenntnisse.
Interessant hingegen waren einige Ergebnisse der aktuellen
Sicherheitsforschung von Hochschulen und Industrie.
Medizinische
Hochschule Hannover
Alle 13 Stunden stirbt in
Deutschland ein Zweiradfahrer. Dabei wurde wiederum deutlich: Bei allen
Varianten des Linksabbiegens lauern auf den Zweiradfahrer besondere
Gefahren. An ca. 50 Prozent dieser Unfälle sind die Motorradfahrer
selbst schuld.
TU Berlin
1980 waren 10,5 Prozent
der getöteten Verkehrsteilnehmer Motorradfahrer, 2009 waren es 16,5
Prozent. Die Wahrscheinlichkeit als Motorradfahrer im Straßenverkehr
getötet zu werden, ist 12-mal höher als für Autofahrer. Daraus ist unter
anderem zu schließen, dass Motorradfahrer besser gegen Aufprall
geschützt werden müssen. Die TU Berlin hat erforscht, dass ein
Beckengurt und ein Airbag in Verbindung mit einem Nackenschutz, ähnlich
wie ihn Fahrer der Formel 1 oder der DTM (Hans-System) tragen, auch
Motorradfahrer erfolgreich vor schweren Verletzungen schützen könnte.
Wie schon in der
Ausgabe 3/2009 auf Seite 150 dieser Zeitschrift
berichtet (damals hatte das Dynamic Test Center in der
Schweiz die gleichen Forschungsergebnisse erzielt), bleibt die Erkennung
des Aufprallwinkels ein bis jetzt noch ungelöstes Problem. Der Gurt muss
sich selbstständig lösen, wenn der Aufprall schräg erfolgt. Hier wartet
noch viel Arbeit auf die Forscher.
Institut für
Zweiradsicherheit (ifz)
Das ifz hatte es sich zur
Aufgabe gemacht, den Begriff „Fahrerassistenzsystem“ (FAS) passend für
den Bereich des Zweirades zu definieren, weil eine undifferenzierte
Übernahme der Begrifflichkeit aus dem Bereich des mehrspurigen
Kraftfahrzeugs falsch wäre. Danach sind FAS technische Ausrüstungen, die
der Sicherheit und Orientierung des Zweiradfahrers dienen, aber auch
solche, die dessen Wohlbefinden fördern (z.B. Griffheizung). Dieser
Punkt spielt für Zweiradfahrer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn
ein Zweiradfahrer ist durch Licht, Lärm, Vibrationen, Kälte, Nässe, Wind
etc. mental und körperlich wesentlich stärker belastet als der Fahrer in
einer geschützten Fahrgastzelle.
TU Darmstadt
und Fraunhofer-Institut
Beide Institute befassen
sich mit Grundlagenforschung zur Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen
für Motorräder. So soll über GPS vor möglichen Gefahren (z.B. einer
scharfen Kurve, Stau, Baustelle) gewarnt werden. Die Warnungen können
dem Fahrer durch Kontrollleuchten, Vibrieren des Sitzes/der Griffe etc.
übermittelt werden. Unklar ist noch, inwieweit benutzer- oder
motorradspezifische Aspekte berücksichtigt werden können. Fraglich ist
ebenso, ob die Systeme den Fahrer nur warnen oder das Motorrad
selbsttätig abbremsen sollen.
Bundesanstalt
für Straßenwesen (BASt)
Ein Assistenzsystem
bringt nichts, wenn es ausgeschaltet ist oder einfach ignoriert wird. In
Versuchen der BASt wurden Motorradfahrer während der Fahrt vor Gefahren
gewarnt. So z.B., wenn sich der Fahrer mit zu hoher Geschwindigkeit
einer Kurve näherte. Dabei ergab sich u.a., dass die Akzeptanz der
Warnung durch vibrierende Handschuhe größer ist als durch
Kontrollleuchten. Außerdem muss der Fahrer auch erkennen können, dass es
wirklich gefährlich ist.
Dainese
Der italienische
Bekleidungshersteller Dainese hat einen Thorax-Protektor aus einer
Aluminiumwabenstruktur entwickelt, der Brustverletzungen bei einem
Aufprall mildern soll.
Piaggio/Universität
Florenz
Forschungen von Piaggio
und der Universität Florenz sind mit der Weiterentwicklung der
Bremssysteme von Motorrädern befasst. Während der Rollerhersteller in
einem MP3-Versuchsfahrzeug vor allem die Kommunikation zwischen Dämpfung
und Bremse untersucht hat, beschäftigte sich die Uni in Florenz damit,
eine aktive Bremse zu entwickeln. Das heißt, das Motorrad bremst in
einer Notsituation selbstständig ab. Beide Untersuchungen kommen zu dem
Schluss, dass Zweiräder mit einer kombinierten Bremse (Vorder- und
Hinterrad werden mit einem Hebel gleichzeitig gebremst) in Verbindung
mit ABS ausgestattet sein sollten.
TU Darmstadt
Die TU hat in einem
Forschungsprojekt herausgefunden, dass 17 Prozent der verunglückten
Motorradfahrer in Linkskurven von der Fahrbahn abgekommen sind. In den
untersuchten Fällen war die Ursache vor allem sehr starkes Bremsen nach
Erschrecken in der Kurve, wobei sich das Motorrad gefährlich aufrichtet,
also die für eine sichere Kurvenfahrt notwendige Schräglage verlässt.
Dieses Aufrichten des Motorrades, das durch breite Reifen (die in den
letzten Jahren stark zugenommen haben), begünstigt wird, soll durch ein
System, das den Lenkkopf beweglich macht, minimiert werden.
Continental
Teves
Der Bremsenhersteller hat
nach den Ursachen von Motorradunfällen geforscht. Dabei stellte sich
heraus, dass die Motorradfahrer beim Erschrecken in Gefahrensituationen
häufig panisch gebremst haben, wodurch das Vorderrad blockierte.
Ungefähr die Hälfte dieser Unfälle hätte durch ABS verhindert werden
können. Denn durch Vermeidung des Sturzes wird Zeit gewonnen, die dem
Motorradfahrer oft noch ein Ausweichen ermöglicht. Oder aber der
Zeitgewinn entschärft die Situation schon alleine deshalb, weil der
Gegner in Bewegung bleibt und so dem Gefahrbereich des Motorradfahrers
entkommt. Die Ergebnisse bestätigen exakt das, was wir Fahrlehrer seit
Jahren, ja Jahrzehnten fordern. 1985 hat Lucas Girling das erste ABS für
Motorräder vorgestellt. Heute, im Jahr 2010, gibt es immer noch kein ABS
für viele kleine Zweiräder. Auf meine Frage, warum das immer noch so
ist, bekam ich nur eine Antwort: Es liege wohl am Preis!
Fludicon
„Elektrorheologische
Verstelldämpfer als Grundlage für semiaktive Motorradfahrwerke“ (Rheologie
= Teilgebiet der Physik, das Fließerscheinungen von Stoffen unter
Einwirkung äußerer Kräfte untersucht, die Red.) lautete der schreckliche
Titel des Vortrages des hochinteressanten kleinen deutschen Unternehmens
Fludicon. Durch ihren neu entwickelten Dämpfer mit einer Flüssigkeit,
die sich in Millisekunden von einem festen (ähnlich wie ein Radiergummi)
in einen flüssigen (ähnlich wie Milch) Aggregatzustand wandelt, sollen
Pendeln oder Flattern eines Motorrades verhindert oder wenigstens so
gemindert werden, dass es ungefährlich ist.
ACEM Belgien
(The Motorcycle Industry in Europe)
Dieses europäische
Projekt wurde in Barcelona, Rom, Paris und London durchgeführt. Dabei
konnten durch versuchsweise „Legalisierung“ mancher eigentlich
unzulässiger Verhaltensweisen motorisierter Zweiradfahrer und andere
Maßnahmen die Unfallzahlen teilweise erheblich reduziert werden.
London: Zuerst
wurden Überwachungskameras installiert. Sodann wurden Busspuren für
Zweiräder geöffnet. Dadurch kam es zu 50 Prozent weniger
Zweiradunfällen.
Barcelona: Hier
hat die Einführung einer vorgezogenen Haltlinie speziell für Zweiräder
für 20 Prozent weniger Zweiradunfälle gesorgt. Durch die flächendeckende
Einführung von Tempo-30-Zonen in allen vier Städten nahmen die Unfälle
mit Zweirädern um 40 Prozent ab.
Kuratorium für
Verkehrssicherheit (KfV) Österreich
In Österreich hat eine
Studie aus den USA Aufsehen erregt. Durch in Fahrzeugen fest eingebaute
Kameras wurde nachgewiesen, dass in 80 Prozent der mit den Kameras
dokumentierten Unfälle die Fahrerin/der Fahrer gerade abgelenkt war und
weggeschaut hat. Deshalb wurde ein Versuch gestartet, durch mehrere im
Auto installierte Kameras das alltägliche Fahrverhalten zu beobachten.
So können jedem Verkehrsteilnehmer dessen Verhaltensweisen gezeigt und
Verbesserungsvorschläge unterbreitet werden. Ganz nebenbei hat sich
durch diese Methode der Benzinverbrauch um 6 Prozent vermindert.
Motorradausbildung in USA/Kanada
In Nordamerika herrscht
ein völlig anderes Ausbildungssystem als in Deutschland und im übrigen
Europa. So ist es in Kanada nach erfolgreicher Ablegung des Sehtests und
der theoretischen Prüfung möglich, als “Lerner“ 90 Tage Motorrad zu
fahren. Viele machen das jedes Jahr so, vielleicht schon seit 20 oder 30
Jahren. Zudem hat jede Provinz (in den USA jeder Bundesstaat) seine
eigenen Vorschriften. Deshalb beruht vieles auf Freiwilligkeit. Ziel ist
es deshalb, „neue Motorradfahrer“ vier Stunden in einen Theorieraum und
16 Stunden auf einen Parkplatz zu bekommen, um ihnen die Grundregeln und
die Grundfahrtechniken nahezubringen.
Monash
University Accident Research Centre in Victoria, Australien
Auch in Australien werden
immer mehr Ältere zu Motorradfahrern. Die Anzahl der tödlich
verunglückten Motorradfahrer ist zurzeit rückläufig. Die
Wiedereinsteiger bilden die Gruppe mit den meisten Unfällen; für diese
Gruppe wurden spezielle Schulungsprogramme entwickelt. Dabei soll der
Fahrspaß möglichst nicht zu kurz kommen.
Fédération
Internationale de Motocyclisme, Schweiz
In den Großstädten der
südlichen Länder Europas fahren dank des wärmeren Klimas mehr Zweiräder
als z. B. in Deutschland. Darin, so die Fédération, bestehe ein großes
Potenzial für umweltfreundliche Mobilität, weshalb dieser Markt in den
nächsten Jahren wachsen werde. Die Schweizer Forscher erwarten für
Elektro-Zweiräder, Hybrid-Zweiräder, Dieselmotorräder und
Bio-Kraftstoffe neue Entwicklungen.
Karl-Heinz Hiller
Motorradreferent
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