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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 29.09.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Oktober/2000, Seite 578

Klimaanlage?

Ja, bitte!  

 

Fahrschüler bevorzugen Fahrschulwagen mit Klimaanlage. Warum? Weil geregelte Temperatur und ausgewogene Luftfeuchtigkeit die psychomotorische Schwerstarbeit, was das Fahren lernen nun einmal ist, erheblich erleichtern. Und das gilt nicht nur für die Hundstage, sondern auch im Frühjahr und im Herbst, wenn die Luftfeuchtigkeit besonders hoch ist.

Im alten Käfer konnte man es an schwülen Tagen bei raffiniert abgestimmter Öffnungsweite von Faltdach und Ausstellfensterchen gerade noch aushalten. Doch für Frau Pinselmeier war das immer zu zugig. Etwas hypochondrisch gestrickt, befürchtete sie ständig an Erkältungen zu erkranken. Das Äußerste, was sie an Frischluftzufuhr zuließ, war das um einen Spalt von 2 Zentimetern geöffnete Faltdach. Beim Rückwärtsfahren, das in einer ca. 60 Meter langen S- Schlaufe darzustellen war - anno ‘58 manchem Prüfer wichtiger als korrektes Linksabbiegen –, kam die Dame regelmäßig in Hitze. Dann wurde auf ihr Geheiß hin pausiert, alles dicht gemacht - und abgeschwitzt. Weil "Retourfahren", wie sie es nannte, nicht gerade zu ihren preisverdächtigen Disziplinen zählte und deshalb entsprechend intensiv geübt werden musste, hätte ich mir für die Enge der Käferkabine schon damals nichts mehr gewünscht als zugfreie Kühle und eine etwas appetitlichere Atmosphäre. Freilich, über Air Conditioner war zu jener Zeit allenfalls zu lesen, dass sie in großen amerikanischen Straßenkreuzern gegen ein gesalzenes Aufgeld zu haben seien.

  • Wärmebelastung erhöht

Eine Untersuchung, die die Bergische Universität/Gesamthochschule Wuppertal im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen (bast) durch geführt hat, ergab u. a., dass Wärmebelastung des Kraftfahrers großen Einfluss auf die Unfallhäufigkeit hat. Wärmebelastung sei durch die Untersuchung als ein Faktor ins Blickfeld gerückt, dessen starke Wirkung auf die Zahl der Unfälle bislang nicht in dieser Weise bekannt oder belegt gewesen sei, resümieren die Wissenschaftler in ihrem Untersuchungsbericht, den sie Mitte 1999 veröffentlichten.

Auto fahren sei eine sehr komplexe psychomotorische Tätigkeit, ist dort weiter zu lesen, die das Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen sowie die zahlreichen Aufgaben des Fahrzeughandlings umfasst. Das einwandfreie Zusammenspiel aller Teilfunktionen sei für die Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit von ausschlaggebender Bedeutung. Schon ab einer Lufttemperatur von etwa 27 Grad, die im Fahrzeug schon an mäßig warmen Tagen erreicht wird, könne der Körper sein thermisches Gleichgewicht nur noch durch Schweißverdunstung aufrecht erhalten.

  • Wärmestress erhöht Unfallgefahr

Folgende Gründe aber schränken die Effektivität dieser ansonsten sehr wirkungsvollen Körperkühlung im Fahrzeug ein:

  • der direkte Kontakt eines großen Teils des Körpers mit den Sitzen, der jede Verdunstung verhindert,

  • die isolierende Wirkung der Bekleidung und

  • die bei schwülem Wetter hohe Luftfeuchtigkeit in der Kabine.

Bei eingeschränkter Verdunstung schafft es der Körper nicht mehr, sein thermisches Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Die Körperkerntemperatur, die normalerweise 37°C plus/minus 0,5°C beträgt, beginnt zu steigen. Aber schon bei einem nur geringfügigen Anstieg über 37,5°C hinaus setzt der Wärmestress ein, der sich physiologisch in steigenden Schweißraten sowie hohen und oftmals stark schwankenden Pulsraten äußert. Wärmestress beeinträchtigt aber nicht nur die Funktion des Körpers, sondern auch die Effektivität der menschlichen Handlungen. Besonders wenn es sich um komplexe Aufgaben mit einem hohen mentalen Anteil handelt, wie sie beim Autofahren in dichtem Verkehr häufig vorkommen. Konkret, so die Forscher, führe der Wärmestress zu

  • Schwierigkeiten beim Halten der Fahrspur,

  • Übersehen und Überhören von Signalen,

  • zu später oder fehlender Reaktion,

  • Verschlechterung der Leistung bei Doppelaufgaben z.B. Streckenfindung/Fahrsicherheit,

  • Leistungsminderung bei komplexen Aufgaben.

  • Tests mit jungen Menschen

An den realen Straßentests der Wuppertaler Wissenschaftler waren je 10 jüngere Frauen und Männer, alle erfahrene Kraftfahrer, beteiligt; gefahren wurde mit serienmäßigen Pkw, und zwar nur bei Tage. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind gerade auch für die praktische Ausbildung von Fahrschülern von ziemlicher Bedeutung: Wenn Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit im Fahrzeuginneren so nachteilige Wirkungen auf die Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit routinierter Kraftfahrer haben, dann doch erst recht auf Lernende, die ohnehin sehr angespannt sind und weder über Routine noch über eingeschliffene Automatismen verfügen.

Es ist lange her, aber ich bin sicher, Frau Pinselmeiers Lernleistung hätte sich selbst beim Retourfahren verbessert, wenn ich die Hitze jenes Sommers hätte zugfrei bannen können. Heute könnt ich’s. Deshalb beim Neukauf des nächsten Fahrschulautos auf die Frage "Klimaanlage?" ein klares "Ja, bitte!" Ihre Fahrschüler werden es Ihnen danken, und für den Mundfunk ist es auch kein Nachteil.

Gebhard L. Heiler

Oktober 2000
Erscheinungsdatum 15.10.2000

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