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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 29.09.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Oktober/2000, Seite 572

Mitglieder im Portrait:

 

Willi Schlegel -

Oberschwäbisches Urgestein
von Gebhard L. Heiler

Willi Schlegel mit einem von 35 skurrilen Rädern

Willi Schlegel aus Riedlingen an der Donau, Fahrlehrer seit 1941, war am 1. Juli 1950 in Heilbronn dabei, als der Verband der Kraftfahrlehrer Württemberg-Baden-Hohenzollern aus der Taufe gehoben wurde. In der Folge vertrat er den Verband während vieler Jahre als Vorsitzender der Bezirksgruppe Süd und als Vorsitzender der Kreisvereine Saulgau und Biberach. Auch als Beisitzer im Fahrlehrerprüfungsausschuss des früheren Regierungspräsidiums Tübingen leistete Schlegel während 16 Jahren ausgezeichnete Arbeit für den Berufstand.

Aus Willi Schlegels Lebensgeschichte könnte man ein Drehbuch für einen Straßenfeger schreiben. Was er erlebt, angefacht, bewegt, geleistet und bewirkt hat, ist außergewöhnlich. Sein erstes Fahrzeug hat er im Alter von 8 Jahren konstruiert und gebaut. In einer alten Scheune des väterlichen Anwesens – einer Mühle mit Elektrizitätswerk - fand er alte Holzräder eines Pfluges und zwei Achsen, die er auf einem Brett montierte. Mit dem daraus entstandenen Renner fegte er in Dürmentingen, seinem Geburtsort, ungezählte Male eine abschüssige Dorfstraße hinunter. Schon als Kind, so berichtet er, sei sein technisches Interesse groß gewesen. Dass er 1925 in eine Mechanikerlehre eintrat, war deshalb nicht mehr als selbstverständlich. Sein ingeniöser Verstand brachte ihm Bestnoten bei der Meisterprüfung im Kraftfahrzeughandwerk, die er mit knapp 27 Jahren im März 1937 vor der Handwerkskammer Ulm ablegte.

Der Meisterbrief weist allerdings auch noch eine andere Begabung aus: Auch in Buchführung und Gesetzeskunde holte sich Schlegel eine glatte Eins. Dass er den Wert des Geldes zu schätzen wusste und auch damit umgehen konnte, bewies er schon als Junge. Er riet seiner Großmutter, an Markttagen auf ihrem Grundstück einen bewachten Parkplatz für Fahrräder einzurichten, der sich bald eines lebhaften Zuspruchs erfreute. Pro Markttag kam die für die zwanziger Jahre erkleckliche Summe von 30 bis 40 Mark in die Kasse, die sich Oma und Enkel Willi jeweils teilten.


Maria und Willi Schlegel: Seit 58 Jahren ein harmonisches Paar

  • Sparsam, bescheiden und solide

In jener Zeit – man schrieb das Jahr 1928 - hätte er ums Leben gerne ein neues Fahrrad besessen, aber er versagte es sich, frönte nicht dem Konsum, sondern sparte, um die damals renommierte Deutsche Kraftfahrzeugschule in Düsseldorf besuchen und sich beruflich weiterbilden zu können. Der wohlsituierte Vater eines holländischen Mitschülers muss Schlegels solide Qualitäten sogleich erkannt haben. Er schlug, um angeblich das Logis für jeden etwas billiger werden zu lassen, vor, die beiden sollten gemeinsam ein möbliertes Zimmer nehmen. Der wahre Grund dieser spontanen "Wohnungsvermittlung" war aber, dass der niederländische Geschäftsmann seinen von der Mutter mit finanziellen Zuschüssen reichlich verwöhnten Filius in der beispielgebenden Obhut eines sparsamen Schwaben wissen wollte. Nach erfolgreichem Abschluss der Düsseldorfer Studien lud der wohlhabende Holländer den 19-jährigen Willi ein, 14 erlebnisreiche Tage mit der Familie seines Kommilitonen in Utrecht zu verbringen. Seine holländischen Freunde waren generöse Gastgeber, die ihm eine andere Welt zeigten und es an nichts fehlen ließen.

  • Einen König als Taufpaten

Willi Schlegel war das neunte Kind von 15, ein Kindersegen, der damals in ländlichen Gegenden eher die Regel als die Ausnahme war. Damals übernahm König Wilhelm II. von Württemberg für jeden 7. Knaben einer Familie die Patenschaft. So auch für seinen Namensvetter, den kleinen Wilhelm Schlegel. Als Patengeschenk erhielt die Familie 20 Goldmark aus der Privatschatulle des Königs.

  • Technik und Fasnet

Seine frühen technischen Basteleien, so bekennt er, hätten ihn gelegentlich von seinen Pflichten als Schüler abgelenkt, was sich für die Noten nicht immer als günstig erwiesen habe. Schon als 10-jähriger lieferte er technische Attraktionen für d‘ Fasnet. Das Treiben der Narren hatte es ihm schon als Kind angetan und sollte in späteren Jahren zu einem ausgeprägten Hobby werden, über das noch zu berichten ist.

Machen wir einen Zeitsprung. Seine Mechanikerlehre hat er mit Bravour abgeschlossen. Danach ging er auf die Wanderschaft, ein karges Leben. Trotz aller Tüchtigkeit teilte Schlegel 1930 das Schicksal von Millionen junger Deutscher: Er wurde arbeitslos. Die Wirtschaft lag als eine der Spätfolgen des 1. Weltkrieges und der durch diesen heraufbeschworenen Inflation völlig am Boden. Das Elend in den Städten war groß, aber auch auf dem Lande hatten die Menschen nichts zu lachen. Vor diesem sozialen Hintergrund ging die gefährliche Saat des Nationalsozialismus auf und gedieh von Monat zu Monat mehr. Am Anfang schien auch Willi Schlegel von den neuen Ideen etwas zu halten, zumal die Massenarbeitslosigkeit bald nach der Machtübernahme durch Hitler deutlich zurück ging.


Die Maskenmaschine

  • Die Nazis früh durchschaut

Als Mitglied des STAHHELM, eines stark national geprägten Bundes der Frontsoldaten von 14/18, dem seit 1924 auch Nichtkriegsteilnehmer angehören konnten, wurde Schlegel 1933 zwangsweise in die SA eingegliedert. Doch er muss gespürt haben, dass die "Bewegung" nichts Gutes verhieß. Denn schon am 26.10.1935 verfügte der Führer der "SA-Brigade 56 (Württ. Süd)", Willi Schlegel sei wegen "fehlendem Diensteifer" und zu geringem "Kämpfergeist untragbar" und deshalb "strafweise" mit sofortiger Wirkung aus der SA zu entlassen. Damals mag ein solcher Rauswurf in den Augen vieler Volksgenossen eine Schande gewesen sein. Aber wer Willi Schlegel auch nur ein wenig kennt, weiß, dass es ihm an Einsatzwillen, Fleiß und Beharrlichkeit nie gefehlt hat, wenn es darum ging, für seine Überzeugungen einzutreten. Doch Schlegel hatte das Treiben der Nazis bald durchschaut und nahm den Rausschmiss, der nicht ganz risikolos war, lieber in Kauf als ein Mitläufer zu sein. Freilich, vor der Wehrmacht, die ihn 1940 holte, rettete ihn das nicht. Meistens an der russischen Front, erlebte er die Wirren des Kriegsendes in Hamburg. Bald aber kam er nach Riedlingen zurück, wo er in einem Autohaus Arbeit fand.

  • Unterlagen:

Willi Schlegel hat 1948 in Riedlingen seine Fahrschule gegründet. Auf meine Neugier über die damaligen Preise und die Ausbildungsdauer reagiert Maria Schlegel, seit 58 Jahren mit Willi verheiratet, kurzerhand mit den auch aus den ersten Jahren noch lückenlos vorhandenen Schülerkladden. "Wir haben damals die ersten Kurse im Wohnzimmer abgehalten", verrät sie schmunzelnd. "Alles war noch sehr primitiv, aber der Führerschein war auch sehr billig", ergänzt Willi Schlegel.

  • Hohes Berufsethos

Es ist ein wunderschöner Sommertag, und im gepflegten Gärtle der Schlegels plaudert es sich bei von der Hausfrau selbst gekeltertem Quittensaft sehr kommod. "Keine Behörde fragte 1948 nach der Ausstattung des Lehrraumes mit Anschauungsmaterial und Modellen. Aber das Berufsethos wurde groß geschrieben, man hat die Schüler nach bestem Wissen und Gewissen ausgebildet, beschwört Schlegel die alten Zeiten. Das glaubt man ihm ohne den leisesten Zweifel. Der billigste Führerschein, an den er sich erinnere, habe 1948 ganze 29 Mark gekostet. Die Klasse 4 sei damals bei der Landbevölkerung ein Renner gewesen. Der Schalk schaut Schlegel aus den Augen, als er sich an einen Kurs erinnert, den er in jenen frühen Jahren in der Nachbargemeinde Ertingen abgehalten hat. "29 Frauen waren es und ein Mann, die den Führerschein für den Traktor haben wollten. Die Prüfung war mündlich, alle Frauen bestanden, nur das eine Mannsbild nicht. Der war darüber sehr aufgebracht, hatte einen hochroten Kopf und fragte den Prüfer in barschem Ton: ‚Bin ich also der Dümmste hier?‘ ‚Nein‘, klärte ihn der Prüfer auf, nicht der Dümmste, aber der Einzige!‘

  • Mehr als 10.000 Fahrschüler

Als Fahrlehrer genoss Schlegel bald einen ausgezeichneten Ruf, der weit über die heimatliche Umgebung hinaus reichte. Seine Vorliebe galt der Schulung angehender Lkw-Fahrer. Fotografien aus 1955 veranschaulichen die inzwischen mustergültige Einrichtung der Fahrschule Schlegel. Modelle vom Feinsten und ein Verkehrstisch mit originalgetreuen Nachbildungen von Verkehrsknoten waren für die damaligen, noch nicht mit der heutigen Selbstverständlichkeit der automobilen Fortbewegung aufgewachsenen Fahrschüler wichtige Lernhilfen. Nach über 10.000 Fahrschülern, die er von 1948 bis 1975 ausgebildet hatte, "ist mir der Fahrschulbetrieb zu sehr zur Routine geworden, da habe ich mich im Alter von 65 geradezu danach gesehnt, etwas Neues anzufangen".

  • Mit 65 eine zweite unternehmerische Karriere

"Ich wollte als Hauptbeschäftigung wieder etwas Handwerkliches ausüben, und da ich mich als Kraftfahrzeugmechanikermeister immer stark für die Technik der Fahrzeuge interessierte, lag es nahe, den Schwerpunkt auf die Entwicklung und Produktion von Lehrsystemen für das Kraftfahrzeug zu verlagern. Für den eigenen Bedarf habe ich bereits ab 1955 Lehrmodelle konstruiert und gebaut. Das sprach sich herum, nicht zuletzt durch die Prüfer und die Vertreter von Lehrmittelfirmen. Auf Bitten von Kollegen habe ich ab Mitte der siebziger Jahre einzelne Lehrmodelle für deren Fahrschulen hergestellt. Schon kurze Zeit später wurden die großen Pkw- und Nutzfahrzeughersteller auf mich aufmerksam. In den folgenden Jahren wurde die Produktion von Fahrschulmodellen immer geringer, gleichzeitig nahm jedoch die Entwicklung und Produktion von individuellen Systemen für die Fahrzeughersteller stark zu. Heute betreibt mein jüngster Sohn diesen Geschäftszweig innerhalb einer ortsansässigen Firma weiter."

Was Schlegel bescheiden in fast beiläufigen Sätzen berichtet, war in Wirklichkeit ein großartiger Erfolg als Konstrukteur und Hersteller von bis dahin in Präzision, Funktion und Anschaulichkeit unerreichten Lehrmodellen.

  • Daimler-Benz ordert bei Schlegel

Schon früh hatten die mit technischen Ausbildungsaufgaben befassten Dozenten bei Daimler-Benz AG die hohe Qualität und Anschaulichkeit der Schlegel-Modelle erkannt. Die Fahrerinformation im Werk Wörth verfügte bald über Riedlinger Modelle, die den Neid jedes Experten hervorriefen. Als 1985 klar war, dass die Schulung mit Lastzügen kommen würde, fertigte Schlegel auf Bestellung des Leiters der Fahrerinformation, Peter Scheurenbrand, einen überdimensionalen Verkehrstisch, der bis heute ein Unikat sein dürfte. Wozu? Nun, für das naturgetreue Üben von Rangieraufgaben mit ferngelenkten Last- und Sattelzügen als Vorübung für das darauf folgende Fahren in der Realität. Aufgaben, die bis dahin nicht Inhalt der Fahrlehrerausbildung gewesen waren und deshalb bei der Fortbildung in Anbetracht der kommenden Regelungen schleunigst nachgeholt werden mussten.

  • Leidenschaft Fasnet

Humor, Mutterwitz und Gelassenheit, damit ist Willi Schlegel reich gesegnet. Waren dies die "Zaubertränke", die dem Neunzigjährigen auch heute noch geistige Frische und gute physische Verfassung verleihen? Seine Lebensfreude findet auch Ausdruck in seinem Engagement bei der Riedlinger Narrenzunft "Gole". Mit der Kreation von typisch schwäbisch-alemannischen Masken, für deren Herstellung er eigens eine Maschine entwickelt hat, liefert er ein bedeutendes Accessoire fürs alljährliche närrische Treiben. Den Vogel abgeschossen aber hat er mit seiner einzigartigen "Närrischen Radfahrergruppe", die auf 35 von ihm konstruierten und gebauten Rädern auftritt und dabei die Lachmuskeln der Zuschauer in kolossale Reizzustände versetzt. Die Bauweise dieser "Saalmaschinen", die ausnahmslos aus Teilen alter Fahrräder hergestellt sind, ist so skurril, dass alleine schon ihr Anblick Spaß und Staunen hervorruft. Mit unverhohlenem Stolz erzählt Schlegel, dass die Truppe mehrfach mit großem Erfolg bei "Mainz wie es singt und lacht" aufgetreten ist. Apropos Radfahren: Das war und ist immer noch eine seiner bevorzugten körperlichen Aktivitäten. Noch heute fahren seine Frau und er täglich eine ihrer gewohnten Runden.


Tägliches Radfahren hält jung

  • Wir Fahrlehrer hatten nichts

Und dann wird Willi Schlegel wieder nachdenklich. Unser Gespräch kehrt zu seinem Ausgangspunkt, zu seinem beruflichen Leben als Fahrlehrer zurück. "Der Fahrlehrer", sagt er, "hatte in den Anfangsjahren meiner Tätigkeit nach dem Kriege einen schweren Stand. Wir hatten nichts zu sagen, die Prüfer beherrschten die Szene. Ohne unseren Verband wären wir untergegangen. Das habe ich bald erkannt und mich deshalb für den Berufsstand engagiert. Auch in den späteren Jahren bin ich immer gerne und mit großem Interesse zu den Veranstaltungen des Verbandes gegangen. Die Verbandsarbeit habe ich stets mit großem Interesse verfolgt und versucht, sie aktiv mitzugestalten. Wir haben mit dem Verband vieles Gute erreicht, vieles in Ordnung und auf die Reihe gebracht."

  • Die Ordnung des Meisters

Bevor ich mich verabschiede, darf ich noch einen Blick in die Werkstätten tun. Alles ist wie aufgeleckt, hunderte von Werkzeugen haben ihren Platz, hier herrscht die Ordnung eines durch und durch organisierten Meisters. Wir plaudern noch über das und jenes. Und mit jedem Satz, den dieser liebenswürdige alte Mann sagt, spüre ich einmal mehr: Hier ist alles echt und wahrhaftig, oberschwäbisches Urgestein eben.

Oktober 2000
Erscheinungsdatum 15.10.2000

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