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Willi Schlegel aus Riedlingen an der Donau,
Fahrlehrer seit 1941, war am 1. Juli 1950 in Heilbronn dabei, als der
Verband der Kraftfahrlehrer Württemberg-Baden-Hohenzollern aus der Taufe
gehoben wurde. In der Folge vertrat er den Verband während vieler Jahre
als Vorsitzender der Bezirksgruppe Süd und als Vorsitzender der
Kreisvereine Saulgau und Biberach. Auch als Beisitzer im
Fahrlehrerprüfungsausschuss des früheren Regierungspräsidiums Tübingen
leistete Schlegel während 16 Jahren ausgezeichnete Arbeit für den
Berufstand.
Aus Willi Schlegels Lebensgeschichte könnte man
ein Drehbuch für einen Straßenfeger schreiben. Was er erlebt, angefacht,
bewegt, geleistet und bewirkt hat, ist außergewöhnlich. Sein erstes Fahrzeug
hat er im Alter von 8 Jahren konstruiert und gebaut. In einer alten Scheune des
väterlichen Anwesens – einer Mühle mit Elektrizitätswerk - fand er alte
Holzräder eines Pfluges und zwei Achsen, die er auf einem Brett montierte. Mit
dem daraus entstandenen Renner fegte er in Dürmentingen, seinem Geburtsort,
ungezählte Male eine abschüssige Dorfstraße hinunter. Schon als Kind, so
berichtet er, sei sein technisches Interesse groß gewesen. Dass er 1925 in eine
Mechanikerlehre eintrat, war deshalb nicht mehr als selbstverständlich. Sein
ingeniöser Verstand brachte ihm Bestnoten bei der Meisterprüfung im
Kraftfahrzeughandwerk, die er mit knapp 27 Jahren im März 1937 vor der
Handwerkskammer Ulm ablegte.
Der Meisterbrief weist allerdings auch noch eine
andere Begabung aus: Auch in Buchführung und Gesetzeskunde holte sich Schlegel
eine glatte Eins. Dass er den Wert des Geldes zu schätzen wusste und auch damit
umgehen konnte, bewies er schon als Junge. Er riet seiner Großmutter, an
Markttagen auf ihrem Grundstück einen bewachten Parkplatz für Fahrräder
einzurichten, der sich bald eines lebhaften Zuspruchs erfreute. Pro Markttag kam
die für die zwanziger Jahre erkleckliche Summe von 30 bis 40 Mark in die Kasse,
die sich Oma und Enkel Willi jeweils teilten.

Maria und Willi Schlegel: Seit 58 Jahren ein
harmonisches Paar
In jener Zeit – man schrieb das Jahr 1928 -
hätte er ums Leben gerne ein neues Fahrrad besessen, aber er versagte es sich,
frönte nicht dem Konsum, sondern sparte, um die damals renommierte Deutsche
Kraftfahrzeugschule in Düsseldorf besuchen und sich beruflich weiterbilden
zu können. Der wohlsituierte Vater eines holländischen Mitschülers muss
Schlegels solide Qualitäten sogleich erkannt haben. Er schlug, um angeblich das
Logis für jeden etwas billiger werden zu lassen, vor, die beiden sollten
gemeinsam ein möbliertes Zimmer nehmen. Der wahre Grund dieser spontanen
"Wohnungsvermittlung" war aber, dass der niederländische
Geschäftsmann seinen von der Mutter mit finanziellen Zuschüssen reichlich
verwöhnten Filius in der beispielgebenden Obhut eines sparsamen Schwaben wissen
wollte. Nach erfolgreichem Abschluss der Düsseldorfer Studien lud der
wohlhabende Holländer den 19-jährigen Willi ein, 14 erlebnisreiche Tage mit
der Familie seines Kommilitonen in Utrecht zu verbringen. Seine holländischen
Freunde waren generöse Gastgeber, die ihm eine andere Welt zeigten und es an
nichts fehlen ließen.
Willi Schlegel war das neunte Kind von 15, ein
Kindersegen, der damals in ländlichen Gegenden eher die Regel als die Ausnahme
war. Damals übernahm König Wilhelm II. von Württemberg für jeden 7.
Knaben einer Familie die Patenschaft. So auch für seinen Namensvetter, den
kleinen Wilhelm Schlegel. Als Patengeschenk erhielt die Familie 20 Goldmark aus
der Privatschatulle des Königs.
Seine frühen technischen Basteleien, so bekennt
er, hätten ihn gelegentlich von seinen Pflichten als Schüler abgelenkt, was
sich für die Noten nicht immer als günstig erwiesen habe. Schon als
10-jähriger lieferte er technische Attraktionen für d‘ Fasnet. Das Treiben
der Narren hatte es ihm schon als Kind angetan und sollte in späteren Jahren zu
einem ausgeprägten Hobby werden, über das noch zu berichten ist.
Machen wir einen Zeitsprung. Seine
Mechanikerlehre hat er mit Bravour abgeschlossen. Danach ging er auf die
Wanderschaft, ein karges Leben. Trotz aller Tüchtigkeit teilte Schlegel 1930
das Schicksal von Millionen junger Deutscher: Er wurde arbeitslos. Die
Wirtschaft lag als eine der Spätfolgen des 1. Weltkrieges und der durch diesen
heraufbeschworenen Inflation völlig am Boden. Das Elend in den Städten war
groß, aber auch auf dem Lande hatten die Menschen nichts zu lachen. Vor diesem
sozialen Hintergrund ging die gefährliche Saat des Nationalsozialismus auf und
gedieh von Monat zu Monat mehr. Am Anfang schien auch Willi Schlegel von den
neuen Ideen etwas zu halten, zumal die Massenarbeitslosigkeit bald nach der
Machtübernahme durch Hitler deutlich zurück ging.

Die Maskenmaschine
Als Mitglied des STAHHELM, eines stark
national geprägten Bundes der Frontsoldaten von 14/18, dem seit 1924 auch
Nichtkriegsteilnehmer angehören konnten, wurde Schlegel 1933 zwangsweise in die
SA eingegliedert. Doch er muss gespürt haben, dass die "Bewegung"
nichts Gutes verhieß. Denn schon am 26.10.1935 verfügte der Führer der
"SA-Brigade 56 (Württ. Süd)", Willi Schlegel sei wegen
"fehlendem Diensteifer" und zu geringem "Kämpfergeist
untragbar" und deshalb "strafweise" mit sofortiger Wirkung aus
der SA zu entlassen. Damals mag ein solcher Rauswurf in den Augen vieler
Volksgenossen eine Schande gewesen sein. Aber wer Willi Schlegel auch nur ein
wenig kennt, weiß, dass es ihm an Einsatzwillen, Fleiß und Beharrlichkeit nie
gefehlt hat, wenn es darum ging, für seine Überzeugungen einzutreten. Doch
Schlegel hatte das Treiben der Nazis bald durchschaut und nahm den Rausschmiss,
der nicht ganz risikolos war, lieber in Kauf als ein Mitläufer zu sein.
Freilich, vor der Wehrmacht, die ihn 1940 holte, rettete ihn das nicht. Meistens
an der russischen Front, erlebte er die Wirren des Kriegsendes in Hamburg. Bald
aber kam er nach Riedlingen zurück, wo er in einem Autohaus Arbeit fand.
Willi Schlegel hat 1948 in Riedlingen seine
Fahrschule gegründet. Auf meine Neugier über die damaligen Preise und die
Ausbildungsdauer reagiert Maria Schlegel, seit 58 Jahren mit Willi verheiratet,
kurzerhand mit den auch aus den ersten Jahren noch lückenlos vorhandenen
Schülerkladden. "Wir haben damals die ersten Kurse im Wohnzimmer
abgehalten", verrät sie schmunzelnd. "Alles war noch sehr primitiv,
aber der Führerschein war auch sehr billig", ergänzt Willi Schlegel.
Es ist ein wunderschöner Sommertag, und im
gepflegten Gärtle der Schlegels plaudert es sich bei von der Hausfrau selbst
gekeltertem Quittensaft sehr kommod. "Keine Behörde fragte 1948 nach der
Ausstattung des Lehrraumes mit Anschauungsmaterial und Modellen. Aber das
Berufsethos wurde groß geschrieben, man hat die Schüler nach bestem Wissen und
Gewissen ausgebildet, beschwört Schlegel die alten Zeiten. Das glaubt man ihm
ohne den leisesten Zweifel. Der billigste Führerschein, an den er sich
erinnere, habe 1948 ganze 29 Mark gekostet. Die Klasse 4 sei damals bei der
Landbevölkerung ein Renner gewesen. Der Schalk schaut Schlegel aus den Augen,
als er sich an einen Kurs erinnert, den er in jenen frühen Jahren in der
Nachbargemeinde Ertingen abgehalten hat. "29 Frauen waren es und ein Mann,
die den Führerschein für den Traktor haben wollten. Die Prüfung war
mündlich, alle Frauen bestanden, nur das eine Mannsbild nicht. Der war darüber
sehr aufgebracht, hatte einen hochroten Kopf und fragte den Prüfer in barschem
Ton: ‚Bin ich also der Dümmste hier?‘ ‚Nein‘, klärte ihn der Prüfer
auf, nicht der Dümmste, aber der Einzige!‘
Als Fahrlehrer genoss Schlegel bald einen
ausgezeichneten Ruf, der weit über die heimatliche Umgebung hinaus reichte.
Seine Vorliebe galt der Schulung angehender Lkw-Fahrer. Fotografien aus 1955
veranschaulichen die inzwischen mustergültige Einrichtung der Fahrschule
Schlegel. Modelle vom Feinsten und ein Verkehrstisch mit originalgetreuen
Nachbildungen von Verkehrsknoten waren für die damaligen, noch nicht mit der
heutigen Selbstverständlichkeit der automobilen Fortbewegung aufgewachsenen
Fahrschüler wichtige Lernhilfen. Nach über 10.000 Fahrschülern, die er von
1948 bis 1975 ausgebildet hatte, "ist mir der Fahrschulbetrieb zu sehr zur
Routine geworden, da habe ich mich im Alter von 65 geradezu danach gesehnt,
etwas Neues anzufangen".
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Mit 65 eine zweite unternehmerische Karriere
"Ich wollte als Hauptbeschäftigung wieder
etwas Handwerkliches ausüben, und da ich mich als
Kraftfahrzeugmechanikermeister immer stark für die Technik der Fahrzeuge
interessierte, lag es nahe, den Schwerpunkt auf die Entwicklung und Produktion
von Lehrsystemen für das Kraftfahrzeug zu verlagern. Für den eigenen Bedarf
habe ich bereits ab 1955 Lehrmodelle konstruiert und gebaut. Das sprach sich
herum, nicht zuletzt durch die Prüfer und die Vertreter von Lehrmittelfirmen.
Auf Bitten von Kollegen habe ich ab Mitte der siebziger Jahre einzelne
Lehrmodelle für deren Fahrschulen hergestellt. Schon kurze Zeit später wurden
die großen Pkw- und Nutzfahrzeughersteller auf mich aufmerksam. In den
folgenden Jahren wurde die Produktion von Fahrschulmodellen immer geringer,
gleichzeitig nahm jedoch die Entwicklung und Produktion von individuellen
Systemen für die Fahrzeughersteller stark zu. Heute betreibt mein jüngster
Sohn diesen Geschäftszweig innerhalb einer ortsansässigen Firma weiter."
Was Schlegel bescheiden in fast beiläufigen
Sätzen berichtet, war in Wirklichkeit ein großartiger Erfolg als Konstrukteur
und Hersteller von bis dahin in Präzision, Funktion und Anschaulichkeit
unerreichten Lehrmodellen.
Schon früh hatten die mit technischen
Ausbildungsaufgaben befassten Dozenten bei Daimler-Benz AG die hohe Qualität
und Anschaulichkeit der Schlegel-Modelle erkannt. Die Fahrerinformation im Werk
Wörth verfügte bald über Riedlinger Modelle, die den Neid jedes Experten
hervorriefen. Als 1985 klar war, dass die Schulung mit Lastzügen kommen würde,
fertigte Schlegel auf Bestellung des Leiters der Fahrerinformation, Peter
Scheurenbrand, einen überdimensionalen Verkehrstisch, der bis heute ein Unikat
sein dürfte. Wozu? Nun, für das naturgetreue Üben von Rangieraufgaben mit
ferngelenkten Last- und Sattelzügen als Vorübung für das darauf folgende
Fahren in der Realität. Aufgaben, die bis dahin nicht Inhalt der
Fahrlehrerausbildung gewesen waren und deshalb bei der Fortbildung in Anbetracht
der kommenden Regelungen schleunigst nachgeholt werden mussten.
Humor, Mutterwitz und Gelassenheit, damit ist
Willi Schlegel reich gesegnet. Waren dies die "Zaubertränke", die dem
Neunzigjährigen auch heute noch geistige Frische und gute physische Verfassung
verleihen? Seine Lebensfreude findet auch Ausdruck in seinem Engagement bei der
Riedlinger Narrenzunft "Gole". Mit der Kreation von typisch
schwäbisch-alemannischen Masken, für deren Herstellung er eigens eine Maschine
entwickelt hat, liefert er ein bedeutendes Accessoire fürs alljährliche
närrische Treiben. Den Vogel abgeschossen aber hat er mit seiner einzigartigen
"Närrischen Radfahrergruppe", die auf 35 von ihm konstruierten
und gebauten Rädern auftritt und dabei die Lachmuskeln der Zuschauer in
kolossale Reizzustände versetzt. Die Bauweise dieser "Saalmaschinen",
die ausnahmslos aus Teilen alter Fahrräder hergestellt sind, ist so skurril,
dass alleine schon ihr Anblick Spaß und Staunen hervorruft. Mit unverhohlenem
Stolz erzählt Schlegel, dass die Truppe mehrfach mit großem Erfolg bei "Mainz
wie es singt und lacht" aufgetreten ist. Apropos Radfahren: Das war und
ist immer noch eine seiner bevorzugten körperlichen Aktivitäten. Noch heute
fahren seine Frau und er täglich eine ihrer gewohnten Runden.

Tägliches Radfahren hält jung
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Wir Fahrlehrer hatten nichts
Und dann wird Willi Schlegel wieder nachdenklich.
Unser Gespräch kehrt zu seinem Ausgangspunkt, zu seinem beruflichen Leben als
Fahrlehrer zurück. "Der Fahrlehrer", sagt er, "hatte in den
Anfangsjahren meiner Tätigkeit nach dem Kriege einen schweren Stand. Wir hatten
nichts zu sagen, die Prüfer beherrschten die Szene. Ohne unseren Verband wären
wir untergegangen. Das habe ich bald erkannt und mich deshalb für den
Berufsstand engagiert. Auch in den späteren Jahren bin ich immer gerne und mit
großem Interesse zu den Veranstaltungen des Verbandes gegangen. Die
Verbandsarbeit habe ich stets mit großem Interesse verfolgt und versucht, sie
aktiv mitzugestalten. Wir haben mit dem Verband vieles Gute erreicht, vieles in
Ordnung und auf die Reihe gebracht."
Bevor ich mich verabschiede, darf ich noch einen
Blick in die Werkstätten tun. Alles ist wie aufgeleckt, hunderte von Werkzeugen
haben ihren Platz, hier herrscht die Ordnung eines durch und durch organisierten
Meisters. Wir plaudern noch über das und jenes. Und mit jedem Satz, den dieser
liebenswürdige alte Mann sagt, spüre ich einmal mehr: Hier ist alles echt und
wahrhaftig, oberschwäbisches Urgestein eben.
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