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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 29.09.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Dezember/2000, Seite 682

Fahrlizenz in Amerika

Graffito - Führerschein ist futsch

 

In Deutschland wird bislang lediglich darüber diskutiert: Führerscheinentzug für Delikte, die nichts mit dem Straßenverkehr zu tun haben. Ladendiebe, so ein Diskussionsbeitrag der letzten Monate, sollten statt mit Haft mit der Abgabe ihres Führerscheins büßen. Erst jüngst wurde ins Gespräch gebracht, rechtsextreme Gewalttäter durch Verlust der Fahrerlaubnis zeitweilig aus dem Verkehr zu ziehen. In Kalifornien ist diese Form der Bestrafung bereits gang und gäbe. Indes mehren sich die Proteste Betroffener.

Kalifornische Bürgerrechtler haben Hochkonjunktur. Immer mehr Menschen wenden sich neuerdings an Organisationen wie die American Civil Liberties Union, weil Ihnen wie sie meinen, der Führerschein zu Unrecht abgenommen wurde.

Kalifornische Gesetze verpflichten die Führerscheinbehörden (Department of Motorvehicles/DMV) ausdrücklich, auch bei einer Reihe von Fehltritten, die mit dem Straßenverkehr überhaupt nichts zu tun haben, die Fahrlizenz einzuziehen – im Land der nahezu totalen Abhängigkeit vom Auto eine besonders schlimme Strafe.

Jimmy S. zum Beispiel, ein 25-jähriger Dachdecker, war seit sechs Monaten mit der Zahlung der Alimente im Verzug. Das brachte ihn in eine Schuldnerkartei, in die sich auch das DMV einklinken kann und darf. Als er nach einer weiteren Aufforderung nicht zahlte, wurde ihm einfach der Führerschein entzogen. Jimmy: "Ich bin immer anständig gefahren. Das mit den Alimenten ist eine ganz andere Sache, da klage ich gerade gegen die Vaterschaft, aber das lässt die auf dem Amt kalt. Jetzt habe ich meinen Job verloren, weil ich nicht weiß, wie ich zu den oft weit abgelegenen Baustellen komme soll."

Die Liste der Delikte, die mit Verkehrssünden nichts zu tun haben, aber dennoch den Führerscheinentzug bedeuten können, ist recht umfangreich und nach europäischem Rechtsverständnis ziemlich grotesk.

Wer in einem Bus oder in einem Zug seine Boom Box (Kofferradio) zu laut aufdreht, wer in weniger als 300 Meter Entfernung von einem Wohngebiet im Auto mit einer Prostituierten ein Schäferstündchen verbringt, wer zu Hause Hasch raucht (wohlgemerkt, ohne hinterher Auto zu fahren), wer unter 21 ist und mit 0,1 Promille Alkohol im Blut ein Motorboot lenkt, dem kann der Schein für sechs bis zwölf Monate weggenommen werden. Auch auf illegale Graffito, auf das Anpflanzen von Peyote (ein Kaktus, aus dem eine stimulierende Droge gewonnen werden kann), auf Automatenbetrug mit falschen Münzen, auf Fischwilderei sowie auf verbotenem Alkoholerwerb durch Vortäuschung von Volljährigkeit steht neuerdings Führerscheinentzug. Sogar herumlungern vor bestimmten Lokalitäten nach Eintritt der Polizeistunde gehört zu den Tatbeständen, die den Führerschein in Gefahr bringen.

"In Kalifornien den Führerschein zu verlieren, ist eine Misere sondergleichen, denn hier zu Lande sind die täglichen Pflichtwege besonders weit, und weil es öffentliche Verkehrsmittel so gut wie nicht gibt, steht meist die Existenz auf dem Spiel", sagt Linda Lewis, Direktorin des Verbandes der amerikanischen Verkehrsverwaltungen.

Doch auch in anderen Staaten wie Colorado, Arizona und Texas, in denen es um den öffentlichen Personenverkehr ähnlich schlecht bestellt ist, greifen die Behörden bei nicht verkehrstypischen Ordnungswidrigkeiten und leichten Straftaten mehr und mehr zum Mittel des Führerscheinentzugs als Erziehungsmaßnahme.

Die Chefs der Behörden können sich mit diesem Vollzugsauftrag nur schwer anfreunden. "Man hat uns zu einer Art Strafverfolgungsbehörde der letzten Instanz für Sünden wider die öffentliche Moral degradiert", klagt ein leitender Beamter. "In den Parlamenten gibt es Eiferer und Moralapostel, denen gewisse Lebens- und Verhaltensweisen der Bürger nicht gefallen und die sich dafür Strafen ausdenken. Aber das Einzige, was ihnen bisher dazu einfiel, ist, den Leuten den Führerschein wegzunehmen, und das ist nicht besonders originell. Es erinnert mich an Eltern, die für die Unarten ihrer Kinder nichts Besseres als Prügel wissen", meint ein Sprecher der kalifornischen DVM und fährt fort: "Aber die Gesetze sind nun mal so und lassen uns oft keine andere Wahl."

In der Bevölkerung gärt es mittlerweile gewaltig. Anwälte und Bürgergruppen machen mit glühenden Appellen Front gegen diese systemfremde und letzten Endes auch ungerechte Art der Bestrafung, die fast immer auch außerhalb der Verhältnismäßigkeit liegt. Unterstützung kommt von vielen Seiten, neuerdings sogar von einigen für gewöhnlich stark moralisierenden Sekten: Die indes befürchten wohl, die Zahl ihrer Schäflein könnte sich wegen mangelnder Mobilität dezimieren.

Gebhard L. Heiler

Dezember 2000
Erscheinungsdatum 15.12.2000

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