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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 29.09.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Juni/2001, Seite 327

Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg e.V. in Freiburg hielt Prof. Dr.-Ing. Klaus Langwieder vom Institut für Fahrzeugsicherheit, München, ein viel beachtetes, zukunftsweisendes Referat zum Thema:

Neue Erkenntnisse zum Unfallrisiko junger Fahrer


Prof.-Dr. Ing. Langwieder

 

Inhalt:

  1. Aktuelle Unfallentwicklung

  2. Problembereiche der jungen Fahrer und Ursachen der Unfälle

  3. Selbsteinschätzung junger Fahrer

  4. Ansatzpunkte für zukünftige Maßnahmen

 

1. Aktuelle Unfallentwicklung

Die Vermeidung von Unfällen im Straßenverkehr, oder zumindest die Verminderung der Unfallfolgen, ist nach wie vor eine zentrale gesellschaftspolitische Aufgabe in Deutschland und in Europa.

Im Bereich der Europäischen Gemeinschaft verunglücken pro Jahr 42.000 Verkehrsteilnehmer tödlich und etwa 3,5 Millionen erleiden Verletzungen. Der volkswirtschaftliche Verlust beträgt nach Berechnung des Europäischen Verkehrssicherheitsrates (ETSC) pro Jahr über 160 Milliarden Euro, das heißt 320 Milliarden DM - wobei in diesem Geldbetrag das große Leid und die Schmerzen von Zigtausenden von Menschen nicht Ausdruck finden können.

Jugendliche Verkehrsteilnehmer stellen dabei auch in der europäischen Gesamtbetrachtung die zentrale Risikogruppe dar. Die nur drei Jahre umfassende Altersgruppe zwischen 18 und 20 Jahren stellt bei weitem das höchste Risikopotential dar - würde nur auf Pkw-Fahrer eingegrenzt, dann wäre die Risikodifferenz zu anderen Altersgruppen noch gravierender.

In Deutschland ist erfreulicherweise seit Jahren ein rückläufiger Trend bei den Unfällen mit Getöteten im Straßenverkehr festzustellen (Bild 1 - Polizeilich erfasste Unfälle und Getötete im Straßenverkehr). Mit 7.487 Getöteten im Jahre 2000 wurde ein neuer Tiefstand erreicht, im Vergleich zu 1999 ein Rückgang um rund 300 Getötete (minus 3 Prozent). Die Zahl der polizeilich erfassten Unfälle ist mit 2,34 Millionen aber im Wesentlichen gleich geblieben. Unter Berücksichtigung der Zunahme der zugelassenen Fahrzeuge und damit der gestiegenen Fahrleistungen, ist auch hinsichtlich des relativen Unfallrisikos eine kleine Minderung eingetreten.

Der positive Trend der Unfallentwicklung ist aber eindeutig stärker auf die Erhöhung der passiven Sicherheit, das heißt auf die Verringerung der Unfallfolgen, als auf die Vermeidung von Unfällen (aktive Sicherheit) zurückzuführen. Allein durch den zunehmenden Anteil der Pkw mit Airbag und Gurt und durch den Ersatz älterer Pkw, die nur mit Gurten ausgerüstet waren, ist eine Verringerung der Getöteten im Pkw um zirka 200 bis 300 Personen zu erwarten. Das heißt, ein Großteil der rückläufigen Unfallentwicklung bei tödlichen Verletzungen ist auf die Einführung neuer Sicherheitstechnologien - nicht aber auf eine Änderung des Verhaltens und eine generelle Minderung des Unfallrisikos - zurückzuführen. In Deutschland sind heute alle Neufahrzeuge mit Frontairbags, meist auch mit Seitenairbags, ausgerüstet; trotzdem beträgt der Anteil der Airbag-Pkw am gesamten Pkw-Bestand in Deutschland erst zirka 45 Prozent. Der Trend rückläufiger Unfallzahlen dürfte sich also fortsetzen, aber wir müssen damit die positive Unfallstatistik kritischer betrachten. 

Durch die zunehmende Einführung von Fahrzeugen mit Fahrerassistenzsystemen, insbesondere mit der dynamischen Fahrstabilitätsregelung ESP und auch mit adaptiven Abstandsreglern, die Serienausstattung jedes Pkw sein sollten, ist ein neues Niveau der Fahrsicherheit und Fahrstabilität zu erwarten. 

Es muss aber immer wieder darauf hingewiesen werden, dass auch diese Systeme den Gesetzen der Fahrphysik unterliegen und kritische Situationen nicht vermeiden können. Sie helfen nur dem Fahrer, dass er im Notfall die noch vorhandenen technischen Sicherheitsreserven zur Stabilisierung des Fahrzeugs nutzen kann. Nur bei situationsgerechter Fahrweise ist damit auch der technisch mögliche Sicherheitsgewinn zu erwarten; das setzt voraus, dass durch die Werbung die Fahrerassistenzsysteme nicht als Wunderlösungen dargestellt werden und ein falsches Sicherheitsbewusstsein vermittelt wird.

Für die Unfälle junger Fahrer trifft diese Entwicklung jedoch nicht oder nur am Rande zu. Im Jahr 1999 wurden allein 1.017 Pkw-Fahrer und 190 Motorradfahrer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren getötet - das sind weit mehr als die in Deutschland getöteten Fußgänger aller Altersklassen (Bild 2 - Getötete nach Art der Verkehrsteilnahme in Deutschland). Zu Recht steht heute der Fußgängerschutz im Vordergrund der technischen Bemühungen - im Vergleich mit den Risikoquoten junger Fahrer müsste aber auch dieses Problem mit höchster Priorität angegangen werden, das nicht einfach als naturgegeben beklagt werden darf. 

Seit 1997 hat sich zwar in Deutschland der Anteil der getöteten Pkw-Fahranfänger im Alter von 18 bis 20 Jahren verringert, aber wir haben letzten Endes genau die selben Risikoquoten (bei etwa gleichem Bevölkerungsanteil) wie 1991. Junge Fahranfänger haben heute nach wie vor ein fünffaches Risiko zu tödlichen Verletzungen im Vergleich zur Fahrergruppe ab 25 Jahre. Die bisherigen Maßnahmen waren zwar Schritte in die richtige Richtung - der notwendige Durchbruch zu einer langfristigen Reduzierung der Unfälle junger Fahrer ist aber noch nicht gelungen. 

In Deutschland sind nun, wenngleich mit langer Verzögerung, neue Ansätze zu erkennen. In Europa sind wir von Maßnahmen leider noch weit entfernt.

2. Problembereiche der jungen Fahrer und Ursachen der Unfälle

Zunächst ist festzustellen, dass - von Ausnahmen abgesehen - bei jungen Fahrern nicht bewusst riskantes oder rücksichtsloses Verhalten im Vordergrund steht. Am meisten Schwierigkeiten bereitet den jungen Fahrern die Wahl der richtigen Geschwindigkeit.

Typisch ist die Unterschätzung der fahrdynamischen Gegebenheiten und die Überschätzung des eigenen Fahrkönnens. Das Verhalten des Pkw bei einer Vollbremsung oder Witterungseinflüsse wie nasse Fahrbahn, Glätte, stellen Fahranfänger vor Probleme. In dieser ersten kritischen Lernphase im Realverkehr darf man junge Fahrer nicht alleine lassen. Wichtig ist hierbei auch das „Vorbild-Verhalten“ der erfahrenen Fahrer, denen bewusst werden muss, dass sie mit ihrer Fahrweise und der oft nachlässigen Regelbefolgung ebenfalls eine Verantwortung für das riskante Verhalten der jungen Fahrer tragen. Nicht nur die jungen Fahrer, sondern wir alle müssen zu einer gelassenen Fahrweise finden.

Besondere Risikoüberhöhung liegt bei männlichen Fahranfängern vor, wobei aber auch die jungen Frauen den gleichen Trend zeigen (Bild 3 - Pkw-Unfälle in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht pro 1000 Führerscheininhaber und 1 Million Fahrkilometer) und nach neuesten Untersuchungen auch zunehmend sich dem Risikoverhalten ihrer männlichen Kollegen leider anpassen.

Ein Blick in die amtliche Statistik lässt zumindest Schwerpunkte der Unfallrisiken junger Fahrer erkennen (Bild 4 - Unfallursachen der Pkw-Fahrer als Beteiligte nach Altersgruppen - Unfälle mit Personenschaden außerorts (ohne BAB) - Deutschland 1999). Vor allem bei jungen Fahranfängern (18 bis 20 Jahre) steht die nicht angepasste Geschwindigkeit im Vordergrund - eine Verhaltensweise, die neben dem Lernvorgang und der Verhaltensbeeinflussung in der Fahrausbildung eben die angemessene Umsetzung beim selbstständigen und eigenverantwortlichen Fahren erfordert. Verhaltensweisen, die man als „Erlerntes“ direkt aus der Fahrausbildung in das eigene Verhalten übernehmen kann wie Abstand, Vorfahrt, Abbiegen, Wenden, haben eindeutig bei Fahranfängern einen geringeren Anteil als bei den anderen Altersgruppen - meines Erachtens ein Zeichen für eine gute Fahrausbildung in Deutschland. 

Wo kann, wo muss man aber noch weitere Schwerpunkte setzen?

Hierzu lassen sich Grundtendenzen erkennen, wenn man die Unfallursachen junger Fahrer über den Zeitraum des letzten Jahrzehnts miteinander vergleicht. Grundsätzlich ist die potentielle Verteilung der Unfallrisiken seit Jahren weitgehend konstant. Dies ist letztlich nicht überraschend, denn jedes Jahr kommt eine neue Generation junger Fahrer in den Straßenverkehr und jedes Jahr haben sie auch die gleichen Anfangsprobleme. Die jungen Fahrer von 2001 können leider nicht auf den Erfahrungen der jungen Fahrer von 2000 oder 1999 aufbauen. Vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, ob es wirklich unvermeidlich ist, dass jede Generation der jungen Fahrer immer wieder die selben, meist negativen und problematischen Eigenerfahrungen „erfahren“ und leider auch erleiden muss. 

Die Verteilung seit 1991 zeigt, dass sich am relativen Anteil der Ursache „nicht angepasste Geschwindigkeit“ nichts verändert hat und eher sogar eine leichte Zunahme zu verzeichnen ist. Auch die Anteile falsche Straßenbenutzung (also Abkommen/Schleudern) und Überholen sind gleich geblieben. Besonders ausgeprägt ist aber, dass sich die Ursache „Abstand“ von einem Anteil von 5,0 Prozent in 1991 auf 7,6 Prozent um 50 Prozent erhöht hat - einerseits ein Zeichen für dichteren Verkehr, andererseits aber für die Problematik der richtigen Abstandseinschätzung. Die Abstandskontrolle mit der „zwei Sekunden-Regel“ ist wesentlich einfacher und wirkungsvoller als der praktisch nicht einschätzbare „halbe Tacho-Abstand“. Diese veraltete Methode sollte nicht mehr Inhalt der theoretischen Prüfung sein.

Es gibt aber auch Positivbeispiele: Das Verhalten gegenüber Fußgängern ist eindeutig rücksichtsvoller geworden - die Bemühungen um partnerschaftliches Verhalten tragen Früchte.

Aber auch klare Vorgaben der Gesetzgebung zeigen Wirkung: Bei jungen Fahrern ist der relative Anteil von Unfällen mit Alkoholeinfluss von 8,3 auf 5,0 Prozent zurückgegangen und der Großteil der jungen Fahrer ist sich dieser Problematik besser bewusst. Gleichwohl gilt es auch hier noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten - denn die Amtliche Statistik beschönigt das Problem und spiegelt nur die dominante Unfallursache „Alkoholeinfluss“ wieder. Jungen Fahrern muss klar gemacht werden, dass der heutige Grenzwert von 0,5 Promille für sie nicht zutreffen darf und ein geringerer Grenzwert - möglichst 0 Promille - angestrebt werden muss. Durch die fehlenden Automatismen junger Fahrer, aber auch durch die ohnehin schon gegebene Risikoneigung, wirken sich schon geringe Alkoholmengen katastrophal auf das Fahrverhalten und auf das Unfallrisiko aus. Ein geringerer Grenzwert für junge Fahrer ist daher kein unterschiedliches Recht, sondern nur eine Reaktion auf unterschiedliche Risiken. Diese Regelung stößt ja auch auf breite Zustimmung der Betroffenen.

Die Zahlen der Amtlichen Statistik sind zwar geeignet, das generelle Problem der jungen Fahrer abzugrenzen. Sie können aber nicht, oder nur eingeschränkt, konkrete Defizite junger Fahrer und die Krisensituationen beschreiben, die letztlich zum Unfall führen. Daher haben wir im Rahmen der Unfallforschung des GDV eine bisher einmalige Pilotuntersuchung durchgeführt, in der wir in einem abgegrenzten, klar definierten Bereich einer Polizeidirektion sämtliche Unfälle von jungen Pkw-Fahrern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren mit Personenschaden erfasst und gemeinsam mit der Polizei ausgewertet haben.

Zielsetzung dieser zweifellos noch ausbaufähigen Pilotstudie war es, zu den üblichen Daten wie Anzahl der verletzten Personen, der Verletzungsschwere, der fahrzeugbezogenen Daten und der polizeilich erfassten Unfalltypen, beziehungsweise Unfallursachen, auch noch weitere Einflussgrößen zu erfassen, die heute nicht zur Verfügung stehen. Das sind:

  • Alter und Art der Fahrerlaubnis

  • die Zeit vor dem Unfall (Disko, Sportveranstaltung, Arbeit etc.)

  • der Unfallablauf vor der Kollision, also Schleudern, Bremsen etc.

  • Besonderheiten sowohl der Strecke, als auch der Witterung, beziehungsweise der Lichtverhältnisse.

Aus Zeitgründen kann auf die Methodik und Einzelergebnisse nicht eingegangen werden - ich möchte aber einige zentrale Ergebnisgruppen ansprechen.

Von den 936 untersuchten Unfällen wurden 70 Prozent (669 Fälle) von Fahrern im Alter von 18 bis 24 Jahren schuldhaft verursacht (also überproportional viele). Von diesen 669 schuldhaft verursachten Unfällen waren über ein Drittel Alleinunfälle.

(Bild 5 - Die 10 häufigsten Krisensituationen -1-)

Diese wurden wiederum zu zwei Drittel von Fahranfängern im Alter von 18 bis 20 Jahren verursacht. Mit anderen Worten: Der Alleinunfall ist das zentrale Risiko junger Fahrer und das deutet auf nach wie vor bestehende Defizite bei der richtigen Einschätzung der Fahrdynamik hin.

Erwartungsgemäß ergaben sich aus den 936 Unfällen damit über 400 unterschiedliche Schemazeichnungen, die aber letztlich doch in typische Unfallgruppen zusammengefasst werden konnten. 

Der größte Anteil der Unfälle ereignet sich durch Abkommen von der Fahrbahn (rund 45 Prozent), wobei in mehr als einem Drittel der Fälle ein Schleudervorgang vor der Kollision vorlag. Krisensituationen in Kurven sind am häufigsten, aber auch auf der Geraden bestehen Probleme (Bild 6 - Die 10 häufigsten Krisensituationen -2-).

Auffallenderweise ereignen sich an Einmündungen wesentlich mehr Abbiegeunfälle als an Kreuzungen, wobei das Linksabbiegen im Vordergrund steht. Dies könnte ein Hinweis auf die Problematik der Geschwindigkeitsabschätzung und des Anfahr-/Einbiege-Vorgangs sein mit dem häufig fehlenden Sicherungsblick nach links unmittelbar vor dem Losfahren.

Auffallend ist auch, dass sich generell ein Drittel aller Unfälle junger Fahrer mit einem fremden Fahrzeug ereignen. Es ist daher sinnvoll, dass bei der Ausbildung soweit möglich verschiedene Fahrzeuge eingesetzt werden und der Schüler - zumindest gegen Ende der Ausbildung, beispielsweise bei den Überland- oder Autobahnfahrten - auch das Verhalten anderer Fahrzeuge kennen lernt.

Einmündungen sind auch für Auffahrunfälle kritisch - rund 40 Prozent der Auffahrunfälle junger Fahrer ereignen sich dort, ein Drittel auf freier Strecke und rund 15 Prozent an Ein- und Ausfahrten. Auffahren an Kreuzungen tritt dagegen nur in drei Prozent der Fälle auf. Der junge Fahrer vertraut offenbar zu sehr auf den konstanten Verkehrsfluss und hat daher mit Einmündungen oder Ausfahrten Probleme.

Ein weiteres Problemfeld ist das Fahren mit voller Besetzung, wodurch sowohl die Fahrdynamik bei Kurvenfahrt als auch das Lenk- und Bremsverhalten beeinflusst werden. Diese Probleme sind jungen Fahrern heute viel zu wenig bewusst.

Die meisten schweren Unfälle junger Fahrer ereignen sich bekanntermaßen am Wochenende - nicht wegen eines besonders erhöhten Risikos - sondern weil sie zu dieser Zeit eben am meisten „auf Strecke“ sind. Typisch ist aber auch, dass junge Fahranfänger seltener alleine und signifikant häufiger mit voller Fahrzeugbesetzung fahren. Die Anzahl von fünf und mehr Insassen ist bei Fahranfängern sogar dreimal so hoch wie bei den Alterskollegen zwischen 21 und 24 Jahren! Diese hohe Besetzung des Fahrzeugs wirkt sich zweifach problematisch aus. Erstens besteht ein gewisser psychischer Druck, der durch die Gruppe ausgelöst wird, zweitens ändert sich das dynamische Fahrverhalten des Fahrzeugs durch die hohe Zuladung erheblich. Beides ist dem Fahranfänger aus seiner Ausbildungszeit nicht bekannt. Es ist schwierig, ihm diese Probleme im heutigen Ausbildungssystem zu vermitteln. Man sollte verstärkt bei Autobahn- und Überlandfahrten zusätzliche Schüler mitnehmen. Das erweitert den Radius des Ausbildungsgebietes, damit auch die Erfahrungsbildung und macht dem Fahrschüler mehr Spaß. Fortschrittliche Fahrlehrer machen das heute schon, es sollte aber gängige Praxis werden und ein zukünftiges zweiphasiges Ausbildungssystem würde dazu neue Möglichkeiten eröffnen.

Ein zweites zentrales Problem bezüglich Fahrdynamik besteht im Alter der von jungen Fahrern benutzten Pkw: Eine Untersuchung von über 1.000 Unfällen junger Fahrer mit schwerem Personenschaden ergab, dass 40 Prozent dieser Pkw älter als acht Jahre waren (Bild 7 - Pkw/Pkw-Unfälle mit Personenschaden - Fahrzeuglenker 18-25 Jahre alt). Bei selbst verursachten Unfällen waren es sogar 55 Prozent. Die im Vergleich zum technisch optimalen Fahrschulwagen schlechtere Fahrdynamik einschließlich des Brems- und Lenkverhaltens bei einem älteren Wagen macht dem jungen Fahrer Probleme und muss ihm bewusst gemacht werden - das bedeutet aber vorliegende Eigenerfahrung.

Hinzu kommt noch die häufig aus Geldgründen oft schlechtere Wartung der Fahrzeuge. In der selben Untersuchung haben wir festgestellt, das in den von jungen Fahranfängern verursachten Unfällen bis zu 11 Prozent Mängel, vor allem an Bereifung und Beleuchtung, vorlagen. 

Aus meiner Sicht können nur durch eine zweiphasige Fahrausbildung diese Probleme verringert werden, indem nach Vorliegen der ersten Eigenerfahrung sowohl Fragen des Fahrerverhaltens, als auch der Fahrdynamik vertieft angesprochen werden müssen.

Zwei weitere Problemfelder müssen aber schon in der Fahrausbildung vertieft behandelt werden:

Junge Fahrer kommen mit Vollbremsungen nicht zurecht. Einerseits bremsen sie selbst in Notsituationen viel zu zögerlich, andererseits werden sie häufig durch das Verhalten des Fahrzeuges (zumal bei älteren Fahrzeugen) überfordert.

Es ist eine zentrale Forderung, dass jeder junge Fahrer vor Erhalt der Fahrerlaubnis mit dem Problem der Vollbremsung aus 50 km/h konfrontiert werden muss. Es wäre hierbei auch eine Überlegung wert, ob man nicht - gerade in größeren Städten - diese Vollbrems-Übung auf einem geeigneten Gelände mit einem gemeinsamen älteren Fahrzeug mehrer Fahrschulen durchführen könnte, dadurch würde nicht die „heile Welt“ des Fahrschulwagens, sondern die Realität des häufig technisch nicht optimalen Erstwagens der Fahranfänger berücksichtigt. Auf jeden Fall sollte die Gefahrenbremsung auch Prüfungsinhalt der Klasse B werden. 

Ein zweites Problem ist die zunehmende Drogengefahr, vor allem durch die als „Muntermacher“ verharmlosten Partydrogen. Auch Partydrogen wie Ecstasy etc., führen zu gravierenden Fahrbeeinträchtigungen und eine von unserem Institut veranlasste wissenschaftliche Studie von Verkehrspsychologen ergab, dass in zirka 10 Prozent der Unfälle junger Leute auch Drogenkonsum eine Rolle gespielt hat. Es muss jungen Leuten nicht nur das Alkoholproblem, sondern auch die Gefahr der Drogen nachhaltig klar gemacht werden - sie müssen wissen, dass Drogen aller Art beim Fahren tabu sind und dass durch moderne Nachweismethoden in Kürze Drogentests problemlos durchführbar werden.

3. Selbsteinschätzung junger Fahrer

Verkehrssicherheit kann nicht ohne die beteiligte Gruppe, das heißt die jungen Fahrer, gestaltet werden. Daher wurden in den letzten Jahren umfassende Befragungen von jungen Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren durchgeführt, nämlich:

  • rund 2.000 Personen, eine Befragung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates mit ADAC und TU Dresden und

  • rund 1.000 junge Fahrer/Fahrerinnen eine repräsentative Stichprobe aus einer bundesweiten Befragung von rund 16.000 Haushalten durch das PSEPHOS-Institut im Auftrag von „sicher unterwegs“ und der HUK-Coburg Versicherung.

Es ist natürlich nicht möglich, in diesem Übersichtsvortrag die Befragungsergebnisse exakt darzustellen, aber die Trends sind doch sehr deutlich:

In einer Podiumsveranstaltung des Verkehrsparlaments der „Süddeutschen Zeitung“ haben die jungen Fahrer überraschend deutlich zugegeben, dass sie sich in vielen Verkehrssituationen unsicher fühlen und die „Hilfe zur Selbsthilfe“ begrüßen würden.

Auch in den beiden angeführten Befragungen lässt sich dies erkennen. In der Studie der TU Dresden haben sich 89 Prozent der Befragten positiv zu einem Weiterbildungskurs nach sechs Monaten Fahrerfahrung ausgesprochen zur Aufarbeitung der bisher aufgetretenen Probleme, sogar verbunden mit einem generellen Verbot von Alkohol am Steuer für Fahranfänger. Wenn dagegen das Gesamtkonzept mit restriktiven Maßnahmen, zum Beispiel besonderen Geschwindigkeitsregelungen, verbunden ist, wird die Zustimmung geringer.

Die Zustimmung (Bild 8 - Zweite Ausbildungsphase für Fahranfänger - Beurteilung von verpflichtenden Maßnahmen) ist vor allem für Sicherheitskurse mit eingeschlossenen Fahrübungen sehr hoch (mit 80 Prozent in der PSEPHOS-Befragung), während ein reiner Erfahrungsaustausch oder nur eine reine theoretische Weiterbildung lediglich jeweils auf etwa ein Drittel Zustimmung stoßen.

Deutlich wurde auch, dass die Akzeptanz verpflichtender Veranstaltungen wesentlich höher ist und die Teilnahmebereitschaft bei freiwilligen Maßnahmen auf etwa 56 Prozent bei Sicherheitskursen und auf unter 20 Prozent bei reinem Erfahrungsaustausch oder theoretischer Weiterbildung absinkt.

Mit anderen Worten bedeutet dies, dass ein hohes Interesse an Weiterbildungsmaßnahmen vorhanden ist und noch vorhandene Sicherheitsdefizite durchaus bewusst sind. Es wird auch deutlich, dass eine obligatorische Maßnahme natürlich nicht auf Begeisterung stößt, aber bei finanziell erträglichem Rahmen akzeptiert würde. Ferner bestätigt sich die schon auch aus früheren Erfahrungen bekannte Tatsache, dass bei freiwilligen Weiterbildungsangeboten zwar der gute Wille vorhanden ist, aber schon in der Befragung die Zustimmungsrate deutlich geringer ist und in der Praxis wahrscheinlich noch weiter sinken dürfte. 

Es hat sich aber erneut das vorhandene hohe Unfallrisiko eindeutig bestätigt. Ein Drittel aller befragten jungen Fahrer hatte bereits einen oder mehrere Unfälle verursacht. Dabei war die Unfallgefährdung in den ersten drei Jahren des Führerscheinbesitzes besonders groß und sinkt dann ab.

Rund ein Viertel aller jungen Fahrer konnten mittels einer Einstufung nach „Fahrstil-Typen“ als risikobereite Fahrer identifiziert werden, die sich für sichere Fahrer halten, aber schon zu 50 Prozent Unfälle verursacht hatten. Den anderen Pol bildete eine kleinere Gruppe von 13 Prozent, die sich als vorsichtige Fahrer mit Ängsten und Unsicherheiten charakterisieren ließen, aber auch bereits zu einem Viertel Unfälle verursacht hatten. Grundsätzlich hat sich somit in allen angeführten Untersuchungen die hohe Unfallgefährdung innerhalb der ersten Zeit der Fahrerfahrung bestätigt.

Hohe Zustimmung von rund 90 Prozent lag bei der Maßnahme „Alkoholverbot für junge Fahrer während der Probezeit“ vor. Andere Maßnahmen wie spezielle Geschwindigkeitsregelungen werden als zu große Einschränkung gesehen und wie insbesondere ein Nachtfahrverbot für Fahranfänger generell abgelehnt.

Zusammenfassend aus diesen Befragungen junger Fahrer lässt sich feststellen, dass

  • durchaus eine selbstkritische Einschätzung von Fahrdefiziten anerkannt, aber doch etwas zurückgedrängt wird

  • eine hohe Unfallgefährdung mit mehr als einem Drittel Unfallbeteiligung, vor allem in den ersten drei Jahren, vorliegt

  • das Interesse an Sicherheitskursen mit Fahrübungen zum besseren Verständnis der Fahrdynamik hoch ist und

  • bei vorgeschriebenen Maßnahmen, die alle treffen, wesentliche höhere Zustimmungsquoten vorhanden sind (sofern finanziell erträglich) als bei freiwilligen Maßnahmen, die vom guten Willen abhängen.

4. Ansatzpunkte für zukünftige Maßnahmen

Aufgrund der erläuterten Ergebnisse der Unfallforschung treten die deutschen Autoversicherer wie bekannt ohne wenn und aber für eine zweiphasige Fahrausbildung, das heißt Sicherheitskurse mit Erfahrungsaustausch und Fahrübungen in der kritischen Zeit zirka sechs bis zwölf Monate nach Erhalt der Fahrerlaubnis ein. 

Die obligatorische Maßnahme erleichtert daher die Einbeziehung aller Fahranfänger, nicht nur der sicherheitsorientierten und führt auch zu höherer Akzeptanz bei den jungen Fahrern, da es eben alle trifft.

Es zeigt sich auch, dass alle jungen Fahranfänger eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ brauchen und nicht unterschieden werden kann, wer auch ohne die erwähnten Weiterbildungsmaßnahmen ein sicherer Fahrer werden kann, beziehungsweise vor Unfällen verschont bleibt. Durch diesen Sicherheitskurs kann der junge Fahrer im Sinn einer zweiten Ausbildungsphase „im Straßenverkehr lernen“ und es wird die kritische Lernzeit verkürzt, die Gefahrenprävention gefördert und die Kenntnis der Fahrdynamik aufgrund der schon gewonnenen Eigenerfahrung vertieft. Die in Deutschland gute Fahrausbildung muss daher im Sinne eines derartigen neuen Gesamtkonzepts, das heißt einer obligatorischen zweiten Phase überdacht werden.

Diese Auffassung wird auch von vielen anderen Institutionen geteilt, wobei aber statt einer obligatorischen Ausbildungsphase manche vorläufig lieber auf freiwillige Weiterbildungsangebote mit Anreizen setzen. Natürlich wäre eine derartige freiwillige Maßnahme mit hoher Beteiligungsquote ideal, aber alle bisherigen Versuche, auch mit finanziellen Anreizen, Autoverlosungen und sogar Prämienvorteilen, beziehungsweise Kostenzuschüssen, haben bisher nicht zum erhofften Erfolg geführt. Zudem besteht bei freiwilligen Weiterbildungsangeboten die Gefahr, dass überwiegend Fahranfänger mit ausgeprägtem Sicherheitsbewusstsein teilnehmen und damit Ergebnisse von Modellversuchen verzerrt würden. Zumindest im Sinne von Pilotstudien und um Erfahrungen zu sammeln, ist aber die Durchführung von freiwilligen Weiterbildungsmodellen mit entsprechender wissenschaftlicher Begleitung zu begrüßen, denn sie stellen zweifellos einen Schritt in die richtige Richtung dar.

Der DVR hat in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, vor allem der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V., dem GDV, dem ADAC, der Bundesanstalt für Straßenwesen und anderen ein Konzept zur Erprobung der freiwilligen Maßnahmen „Sicherheitskurs für Fahranfänger“ (SKF) entwickelt.

Dieses Konzept basiert auf dem früheren DVR/GDV-Modell „Jugend fährt sicher“ und beinhaltet aber als wesentliche Ergänzung ausgewählte praktische Sicherheitsübungen für Fahranfänger.

Damit würde auch den Bedürfnissen der jungen Fahrer entsprochen, die sich einerseits für einen Erfahrungsaustausch, andererseits aber für die verstärkte Einbindung von Fahrübungen zum besseren Verständnis der fahrdynamischen Probleme ausgesprochen haben. Damit könnten auch die bestehenden Probleme, zum Beispiel beim Bremsen und bei unterschiedlicher Fahrzeugbesetzung vertieft behandelt werden. Es sollte meines Erachtens auch überlegt werden, ob neben diesem Teil „Fahrsicherheit“ das Interesse an diesen Kursen nicht auch dadurch noch erhöht werden könnte, dass praktische „Lebenshilfen“ eingebaut würden.

Die größte Problematik bei freiwilliger Teilnahme dürfte der Teilnahmeanreiz sein. Wie man den seitens des Staates gewährten Anreiz der Verkürzung der Probezeit auch noch durch andere Anreizkomponenten ergänzen könnte, wird sicher ein wesentlicher Diskussionspunkt der Zukunft sein. Problematisch ist hierbei, das nur etwa ein Viertel der jungen Fahrer über ein eigenes Fahrzeug verfügt und viele auf Fremdfahrzeuge, beziehungsweise Mitbenutzung der Fahrzeuge der Eltern angewiesen sind. Umso wichtiger ist es, die Teilnahme an einem derartigen Sicherheitskurs für Fahranfänger zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen zu machen.

Die Vorbereitungen für diese im Rahmen des DVR entwickelte Maßnahme werden im Jahr 2001 getroffen, wobei die Pilotstudien in den beteiligten Modell-Ländern von der Bundesanstalt für Straßenwesen evaluiert werden. Auch Baden-Württemberg wird sich an dem Modellversuch beteiligen.

Eine wesentliche Hilfestellung ist dabei, dass dem Unfallrisiko junger Fahrer im „Programm für mehr Sicherheit im Straßenverkehr“ des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Bild 9 - Programm für mehr Sicherheit im Straßenverkehr 2001 - Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen) ein vorrangiger Stellenwert eingeräumt wurde. 

Als ausdrückliche Maßnahme ist die Erprobung einer freiwilligen zweiten Ausbildungsphase für Fahranfänger aufgenommen. Im BMVBW liegen die rechtlichen Voraussetzungen für die Modellversuche gemeinsam mit den Bundesländern vor, die als Anreiz eine Verkürzung der Probezeit für die Teilnehmer im Modellversuch vorsehen. Das Verkehrssicherheitsprogramm des BMVBW bringt zum Ausdruck, dass diese und andere freiwillige Präventivmaßnahmen gefördert werden sollen und möchte Möglichkeiten für finanzielle Anreize, vor allem für Fahranfänger, zusammen mit der Versicherungswirtschaft, aber auch der Automobilindustrie zur Verbesserung der Verkehrssicherheit ausloten.

Es ist zu hoffen, dass aus diesem Grundgedanken heraus die Bedeutung der „Reduzierung der Unfallrisiken junger Fahrer“ endlich als gesamtgesellschaftliches Problem betrachtet wird, nicht nur von den beteiligten Institutionen, sondern auch von der Gesellschaft, von der Schule, den Eltern und nicht zuletzt den jungen Fahrern selbst. Selbst wenn die Fortschritte bisher nur in kleinen Schritten vorangingen und der nötige Durchbruch noch nicht gelungen ist, so dürfen die Bemühungen nicht nachlassen und man darf sich nicht entmutigen lassen. Es muss gelingen, auf diesem gravierenden Problempunkt des Straßenverkehrs mehr Sicherheit für junge Menschen und damit mehr Sicherheit im gesamten, auch europäischen Straßenverkehr zu schaffen. Die gemeinsame Arbeit aller beteiligten Organisationen, insbesondere zusammen mit der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände und auf der Basis des neuen Verkehrssicherheitsprogramms der Bundesregierung zeigt ermutigende Ansätze, dass die Häufigkeit von Schreckensmeldungen in den Montagszeitungen über Unfälle junger Fahrer nachhaltig reduziert werden kann.

Bildverzeichnis:

Bild 1 - Polizeilich erfasste Unfälle und Getötete im Straßenverkehr

Bild 2 - Getötete nach Art der Verkehrsteilnahme in Deutschland

Bild 3 - Pkw-Unfälle in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht pro 1000 Führerscheininhaber und 1 Million Fahrkilometer

Bild 4 - Unfallursachen der Pkw-Fahrer als Beteiligte nach Altersgruppen - Unfälle mit Personenschaden außerorts (ohne BAB) - Deutschland 1999

Bild 5 - Die 10 häufigsten Krisensituationen -1-

Bild 6 - Die 10 häufigsten Krisensituationen -2-

Bild 7 - Pkw/Pkw-Unfälle mit Personenschaden - Fahrzeuglenker 18-25 Jahre alt)

Bild 8 - Zweite Ausbildungsphase für Fahranfänger - Beurteilung von verpflichtenden Maßnahmen) 

Bild 9 - Programm für mehr Sicherheit im Straßenverkehr 2001 - Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen

 

 

Juni 2001
Erscheinungsdatum 15.06.2001

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