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Ein Sonntag im Sommer 1962. Herrliches Wetter, Motorradwetter eben. In einem hessischen Dorf im Odenwald stach mir um die Mittagszeit der Geruch von Gebratenem in die Nase. Die Krone war gut besucht, aber an einem kleinen Tisch gab's noch Platz. Als ich an den zu setzen mich anschickte, kam der Wirt, ein Riese, bedrohlich auf mich zu und wies mir die Tür: "Rocker hawe hier nix zu suche!" Zuerst dachte ich an einen Scherz, aber als sein Kugelbauch mir einen Schubs gab, dämmerte mir, dass es ein Hinauswurf war. Ziemlich verstört betrachtete ich mein Spiegelbild in einem nahen Schaufenster. Was ich sah, war absolut kein Rocker. Das waren andere Kerle: Sie traten, gerüstet mit Harleys, martialischer Lederkleidung und Ketten, auf und provozierten die bürgerliche Welt durch aggressives und mitunter gewalttätiges Gehabe. Davon war ich weit entfernt. Erstens fuhr ich eine etwas betagte BMW, zweitens war mein Leder von ziviler Art, und drittens hatte ich beim Betreten der Krone den Helm abgenommen. Was ich sah, war ein aufgeräumt wirkender junger Mann in Motorradkluft. Ja, die Motorradkluft, die war's. Denn 1962 war das Motorrad - heute würde man sagen - out! Wer im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik etwas auf sich hielt, fuhr längst Käfer, mindestens aber Goggo. Motorrad signalisierte zu jener Zeit soziales
Schlusslicht, abgehängt sein, versagt haben. Und einen solchermaßen Stigmatisierten wollte der Kronenwirt, der den Unterschied zwischen Motorrad-Puristen und Rockern nicht kannte (und vermutlich auch gar nicht kennen wollte), seinen Gästen nicht zumuten.
30 Jahre später sah freilich alles ganz anders aus. Längst war das Motorrad wieder "in", hatte die Privilegierten erreicht und in der Gesellschaft Kultstatus erlangt. Entsprechend zuvorkommend wurde ich behandelt, als ich im Frühjahr 1992 mit meiner K 100 RS beim Interconti in Frankfurt vorfuhr und mich mit dem Helm in der Hand als für zwei Nächte gebuchter Gast auswies. Der Portier nahm mir meine etwas angestaubten Packtaschen bereitwillig ab und hielt für meine Maschine in der Tiefgarage einen besonders sicheren Platz bereit.
Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. Das fiel mir ein, als ich diesen Sommer zwei junge Biker beobachtete, die bei Dämmerung in die Tankstelle eines Dorfs auf der Alb "einfielen" ohne ihre Vollvisierhelme abzunehmen. Die Jungs waren ein bisschen laut und ziemlich kraftmeierisch, im Übrigen jedoch ganz harmlos. Aber weiß man das bei Vermummten immer so genau? Die junge Frau, die die Kasse ganz alleine betreute, schien sichtlich erleichtert, als ich eintrat. Schließlich hat man auch als Motorrad-Methusalem seine Manieren noch nicht verlernt und entblößt beim Betreten geschlossener Räume sein Haupt.
Unlängst hat die Redaktion der FahrSchulPraxis einen Brief bekommen, der just dieses bemängelte, dass nämlich immer häufiger Motorradfahrer ihren Helm auflassen, wenn sie Geschäfte betreten. Der Schreiber bat, man möge doch die Fahrschulen bitten, den Bikern von heute auch in dieser Hinsicht ein paar Schicklichkeiten beizubringen. Das mit Helm ab, wäre eines. Dass man in der Gartenwirtschaft die wenigen noch freien Stühle nicht mit Tankrucksack, Helm und anderen Klamotten okkupiert, wäre ein anderes. Ein Drittes wäre das Wegfahren. Manchmal raucht's und staubt's da den anderen Gästen auf den Kuchen und in den Kaffee, vom unnötigen Krach ganz zu schweigen.
Jene Kronenwirte sind selten geworden, die Rocker auch. Trotzdem gibt's am Image der Biker noch einiges zu feilen. Packen wir's an!
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