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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.10.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe Oktober/2003, Seite 530

Jenseits der Concorde

Von Gebhard L. Heiler

 

Ist die Einstellung der Concorde-Flüge ein Vorzeichen für flugtechnischen Stillstand oder gar Rückschritt? Jedenfalls empfanden unlängst nicht wenige Fans der Concorde - und die gab es nicht nur im Jetset - die spektakuläre Überführung des 2200 km schnellen Passagierflugzeugs ins Museum nach Sinsheim als eine zwar pompöse, aber tieftraurige Grablegung des fliegerischen Pioniergeists.


Foto: www.sinsheim.de

Wer sich die Überquerung des Atlantiks mit doppelter Schallgeschwindigkeit für Preise zwischen 7.500 und 10.000 Dollar leisten konnte, mag erst recht enttäuscht sein. Diesen Privilegierten ging es aber weniger um den fliegerischen Fortschritt als vielmehr um die kurze Flugzeit zwischen den Metropolen des alten und des neuen Kontinents. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass man ganz unter sich war. Und nicht zu vergessen: Concorde zu fliegen war der Ausweis für Exklusivität schlechthin, sozusagen ein Orden der Elitisierung.

Überschallflug - für immer adieu?

Was morgen kommt, weiß man nicht. Aber vorerst wird es den Überschallflug für Passagiere nicht mehr geben. Vieles spricht dafür, dass diese Art des Fliegens sogar für sehr lange Zeit den Jetfightern vorbehalten sein wird. Aber geht damit auch der Fortschritt für das kommerzielle Flugwesen dahin? Die Antwort ist ein klares Nein. Die Concorde ist vor mehr als 35 Jahren entstanden. Diesen Zeitraum muss man ins Auge fassen, um den heutigen Stand zu beurteilen:

  • Fliegen ist während dieser Zeitspanne dank besserer Navigationssysteme, die bis auf 0,1 nautische Meilen genau sind (etwa 200 m), viel sicherer geworden. Diese Systeme ermöglichen es den Piloten, auch unter extremen Sichtbehinderungen sicher zu landen.
  • Die modernen Jetliner können infolge struktureller Verbesserungen des Antriebs und der Aerodynamik wesentlich weiter fliegen und bieten so den Passagieren den Komfort ununterbrochener Direktflüge.
  • Die Betriebskosten konnten dank größerer Sitzplatzkapazität und einem um die Hälfte geringeren Kraftstoffverbrauch kontinuierlich gesenkt werden. Das hat das Fliegen für weit mehr Menschen attraktiv und für viele überhaupt erst möglich gemacht.
  • Passagierflugzeuge sind heute viel leiser und wesentlich umweltfreundlicher als zur Zeit des Jungfernflugs der Concorde. Der Ausstoß an Schadstoffen konnte um rd. 70 Prozent, der Geräuschpegel um rd. 80 Prozent gesenkt werden.
  • Wer 1966 z. B. von Frankfurt nach New York flog, bekam selbst in der 1. Klasse nicht mehr als ein paar Zeitungen oder Magazine geboten, um der Langeweile zu entgehen. Heute haben die Passagiere Auswahl unter verschiedenen Musik- und Videoprogrammen. Vielfach stehen den Passagieren auch schon während des gesamten Fluges funktionierende Telefonsysteme und Netzstrom für den Laptop zur Verfügung.

All dieses zusammengenommen ist - zugegeben - noch lange kein revolutionärer technischer Hit nach Art der Concorde. Und all dies hilft nichts, wenn wir an die langen Flugstunden von Frankfurt bis an die Ferienstrände der Dominikanischen Republik denken, von Sydney gar nicht zu reden. Aber wäre uns mit einem Flug von nur 3½ Stunden mehr gedient?

Der Donnervogel, daran sollte man sich erinnern, war alles andere als umweltfreundlich. Die sonst in diesen Dingen gar nicht so zimperlichen Amerikaner ließen ihn wegen seines infernalischen Krachs während der 35 Jahre nur in New York landen, landeinwärts sollte die amerikanische Nachtruhe nicht durch den Überschallknall gestört werden. Die Passagiere saßen - gar nicht elitär - sardinenartig dicht.

Sprit für einen Jumbo

Mit dem zwischen Paris oder London und New York verbrauchten Kerosin hätte man leicht auch einen Jumbo mit 350 Passagieren an Bord über den großen Teich schicken können. In der Concorde hingegen fanden nur 100 Platz. Und in der letzten Phase, namentlich nach dem Absturz am 25. Juli 2000 in Paris, bei dem 100 Passagiere, 9 Crewmitglieder und 4 Gäste eines nahe gelegenen Hotels ums Leben kamen, liefen den Betreibern Air France und British Airways infolge notwendiger Umrüstungen und Überholungen die Kosten in dreistelligen Dollarmillionen davon. Das Aus war unvermeidlich. Und das ist gut so. Denn die Bilanz sah bei genauer Betrachtung von Anfang an so aus, dass die Concordeflieger mit dem Obolus der "Holzklasse-Passa-giere" subventioniert wurden. Indes, die Idee, Menschen mit Überschall in 20 Kilometer Höhe durch die Lüfte zu jagen, ist in den Konstruktionsbüros der großen Flugzeugfabriken alles andere als ad acta gelegt.

Sicherer und sparsamer ist mehr als Geschwindigkeit

Die Stratosphäre reizt die Ingenieure nach wie vor, aber die Kaufleute sind skeptisch und sehen den Fortschritt der näheren Zukunft in Flugzeugen, die, aus leichteren Werkstoffen gebaut, etwa 20 % weniger Kraftstoff pro Passagier verbrauchen als die sparsamsten von heute. Hier kommt besonders die A380 von Airbus ins Bild, die auf zwei Stockwerken 555 Passagiere befördern und schon 2006 in Betrieb genommen werden wird. Wenn alles wahr ist, was über diesen Vogel geschrieben wird, ist er ein schlagender Beweis für die ungebrochene Dynamik der Luftfahrttechnik. Der Stratosphärenflug ist zwar out, aber wenn dafür Fliegen immer sicherer und umweltfreundlicher wird, sollten wir uns an der "Langsamkeit" von 850 km/h über Boden nicht stören.

 

FahrSchulPraxis - Ausgabe Oktober 2003

Erscheinungsdatum 15.10.2003

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