|
"Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und
Kollegen, meine Damen und Herren,
unter dem Begriff Berufsbild versteht man heute die Darstellung
- der Zugangsvoraussetzungen,
- des Ausbildungsgangs,
- des Arbeitsgebiets,
- der Aufstiegsmöglichkeiten sowie
- der wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse
eines bestimmten Berufs. In den meisten
europäischen Ländern nimmt der Staat starken, oftmals sogar bestimmenden
Einfluss auf die Anerkennung von Berufsbildern, indem er entsprechende
Gesetze und Verordnungen zum Berufszugang, zur Berufsausbildung und zur
Berufsausübung erlässt.
Schaut man sich in den Staaten Europas um,
trifft man auf sehr unterschiedliche Regelungen des Fahrlehrerwesens.
Vielfach sind die wesentlichen Merkmale eines Berufsbildes nicht erfüllt,
weil der Berufszugang und die Berufsausbildung nicht oder nur mangelhaft
geregelt sind. Dagegen ist das Tätigkeitsfeld in aller Regel ziemlich
klar: Der Fahrlehrer soll in wenigen Wochen und mit möglichst wenig
Aufwand rechtstreue und allzeit gegen Unfälle gefeite Autofahrer
hervorbringen. Dieser Anspruch steht in einem krassen Missverhältnis zu
dem, was die Gesellschaft in vielen europäischen Staaten - oder soll man
besser sagen die Politik - für die Förderung des Fahrlehrerberufs zu tun
bereit ist. Die oft nur zögerliche Weiterentwicklung, ja Vernachlässigung
des Berufsbildes der Fahrlehrer hat mehrere Ursachen. Da ist zum einen
noch immer der Glaube an jenes pädagogische Naturtalent, das als Laie
angeblich Gleiches oder gar Besseres zu leisten vermag als ein
professioneller Fahrlehrer. Zum anderen fehlt es am öffentlichen
Bewusstsein für die Anforderungen, die das Autofahren heute an
Fahranfänger stellt. Hier hat sich in den letzten drei Jahrzehnten ein
bedeutender Wandel vollzogen:
Sicheres Autofahren verlangt heute weit
weniger technisches Verständnis und Geschicklichkeit als vielmehr
nachhaltig verankerte Verhaltenskompetenz. Dabei darf auch nicht übersehen
werden, dass das Auto in der Hand von 18-Jährigen heute nicht mehr die
Ausnahme, sondern die Regel ist, junge Menschen also, bei denen der
geistige und charakterliche Reifeprozess noch in vollem Gange ist und die
deshalb gerade auch fürs Autofahren verlässliche Stützen in Form von
Werthaltungen und positiven Einstellungen brauchen.
Wir alle wissen, dass Verkehrssicherheit
nicht das Ergebnis einer solitären Aktion, einer einzelnen Anstrengung
ist. Verkehrssicherheit ist ein fortwährender Prozess, in den viele
Disziplinen eingebunden sind: die Automobilkonstrukteure, die
Straßenbauer, die Sicherheitsingenieure, die Juristen, die Polizei und
viele mehr, nicht zu vergessen die vielen freiwilligen Initiativen und
ihre Helfer. Dabei ist einer der wichtigsten Beiträge die Aus- und
Fortbildung der Fahrer. Und die gehört in professionelle Hände. Wo aber
Fahrschulen noch immer nur verkehrsrechtliche und fahrtechnische Inhalte
vermitteln, müssen sie sich nach heutigem Verständnis fortentwickeln zu
Ausbildungsstätten mit pädagogischem Anspruch. Nur hohe pädagogische
Qualität gepaart mit profundem Fachwissen kann eine nachhaltige, den
heutigen Verkehrsanforderungen genügende Fahrausbildung gewährleisten. Ein
Niveau dieser Güte ist aber nur zu erreichen, wenn die Ausbildung der
Fahrlehreranwärter
- qua Gesetz obligatorisch ist,
- die pädagogische Unterweisung im
Mittelpunkt steht,
- zeitlich ausreichend bemessen ist,
- von qualitätskontrollierten
Ausbildungsträgern ausgeführt wird.
Eine weitere zentrale Voraussetzung ist die
Eignung der Interessenten für den Fahrlehrerberuf. Und damit bin ich bei
meinem eigentlichen Thema.
Es liegt mir fern, die heute als Fahrlehrer
tätigen Kolleginnen und Kollegen zu diskriminieren. Schließlich haben sich
viele auf die eine oder andere Art und durch learning by doing
pädagogische und didaktische Kenntnisse angeeignet und stellen sie täglich
in der Praxis unter meist harten Konkurrenzbedingungen unter Beweis. Aber
- das jedenfalls zeigt die Erfahrung - es gibt auch Fahrlehrer, und es
sind so wenige nicht, die es mangels geistiger Eignung besser nicht
geworden wären. Diese Leute sind nicht weiterbildungsfähig und
außerstande, wissenschaftsorientiert zu denken und zu handeln. Für ihre
Berufsausübung bedeutet dies, dass sie sich auf ein Minimalkonzept
beschränken müssen, das man am griffigsten mit dem Wort Drill beschreibt.
Fahrausbildung im pädagogischen Sinne ist das nicht, denn dabei geht es
nur darum, dem Schnappschuss der Prüfung Genüge zu tun. Das, worauf es
heute ankommt, nämlich Wertorientierung und Verhaltenskompetenz zu
vermitteln, wird nicht geleistet.
Wenn die Europäische Union sich jetzt
anschickt, den Beruf des Fahrlehrers zum Gegenstand der Harmonisierung zu
erklären, dann darf von allem Anfang an nicht versäumt werden, die
Zugangsvoraussetzungen - und hier namentlich die Bildungsvoraussetzungen -
als einen zentralen Punkt der Agenda einzufordern. Das Augenmerk muss
darauf gerichtet sein, den Fahrlehrerberuf vom Odium eines für jedermann
offen stehenden Anlernberufs, eines sozusagen letzten beruflichen
Rettungsankers, zu befreien. Es muss gelingen, inhaltlich - und auch
terminologisch - vom Instruktor zum Lehrer zu gelangen.
Die Impulse hierzu müssen aus dem
Berufsstand selbst kommen. Eine Zunft, die sich nicht um ihren Nachwuchs
kümmert, verfehlt ihren Platz in der Gesellschaft und hat auf die Dauer
keinen Bestand. Es hat neuerdings den Anschein, als ob die EU-Kommission
nicht mehr alleine auf die national sehr unterschiedliche
Fahrlehrerprüfung setzen wolle, wie das leider bislang noch der Fall ist.
Wenn es so ist, dass auch die Ausbildung der Fahrlehrer in einer Art
EU-Fahrlehrer-Ausbildungsrichtlinie geregelt werden soll, dann müssen die
maßgeblichen Anregungen und Initiativen von dem dafür zuständigen
supranationalen Verband kommen, und das ist die EFA.
Von der EFA ist zu fordern, dass sie
nachdrücklich für angemessene Zugangsvoraussetzungen der
Fahrlehreranwärter eintritt. Das heißt im Einzelnen:
- höherer Bildungsabschluss oder ein
entsprechender Bildungsnachweis,
- Prüfung der körperlichen und
charakterlichen Eignung und
- ein Mindestalter, das die notwendige
Reife vermuten lässt.
Nur wenn es gelingt, dieses Profil plus
einer in sich schlüssigen fachlichen und pädagogischen Ausbildung
durchzusetzen, hat der Beruf die Chance, das Mittelmaß zu überwinden und
zu einem anerkannten pädagogischen Beruf aufzusteigen, um so den in
Zukunft gestellten Anforderungen zu genügen.
Seit Gründung der EFA - ich war seinerzeit
in Hamburg dabei - gab es immer wieder Resolutionen, die forderten, die
Fahrausbildung durch Laien sei qua Gesetz abzuschaffen. Diese Forderung
konnte, ja musste man immer gutheißen. Sie darf auch diesmal wieder
gestellt werden. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Chance ihrer
Verwirklichung gering ist, solange sich der professionelle Fahrlehrer vom
Laienfahrlehrer nur durch die einmalige geistige Anstrengung einer
Prüfung, nicht aber durch eine spezifische fachliche und pädagogische
Ausbildung und ein adäquates staatliches Abschlussexamen unterscheidet.
Versetzen Sie sich, meine Damen und Herren, bitte einmal in die Lage eines
Politikers, der für die Abschaffung der sog. Laienausbildung plädiert. Er
würde sich vorhalten lassen müssen, für eine Berufsgruppe mit fragwürdiger
Qualifikation ein Monopol einrichten zu wollen. Ein Haus, das halten und
dauern soll, braucht ein solides Fundament. Übertragen auf den
Fahrlehrerberuf sind die maßgeblichen Grundsteine
- Prüfung der Eignung der Bewerber,
- eine pädagogisch strukturierte,
gesetzlich geregelte Ausbildung und
- eine adäquate Abschlussprüfung.
Dieses Bild muss uns führen, um in Zukunft
einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in
Europa leisten zu können.
1978 hatte mich der Zentralverband der
amerikanischen Fahrlehrer, die Driving School Association of the Americas
(DSAA), gebeten, auf ihrer Jahreskonferenz in Los Angeles über das
deutsche Fahrschulwesen zu sprechen. Ich berichtete dabei auch, dass es
uns in Deutschland ein Jahr zuvor gelungen war, eine gesetzliche Regelung
für die Ausbildung der Fahrlehreranwärter durchzusetzen. Dies bedeutete,
dass ab 1. September 1977 jeder Fahrlehreranwärter eine amtlich anerkannte
Ausbildungsstätte für Fahrlehrer besuchen und an einem ganztägigen,
ununterbrochenen Lehrgang von 5 Monaten Dauer teilnehmen musste. Nach
meinem Vortrag kam es zu einer lebhaften Diskussion. Tenor der
Fahrschulunternehmer war, dass eine solche Regelung für die USA nicht in
Frage komme, weil dies zwangsläufig zu einer unerträglichen Verteuerung
der Arbeitskräfte führe. Ich weiß, dass in den USA eine ganze Reihe der
sog. Commercial Driving Schools, also der privatwirtschaftlichen
Fahrschulen, hervorragende Arbeit leistet. Aber sie kämpfen einen schweren
Kampf gegen die meist unlautere, weil staatlich finanzierte Konkurrenz der
Highschools, deren Lehrer den Jugendlichen mit einem Minimalprogramm zum
leichten Führerschein verhelfen.
Vor kurzer Zeit hatte ich ein längeres
Gespräch mit einem hohen Beamten der amerikanischen Verkehrsverwaltung, in
dessen Verlauf wir auch auf die heute in den USA praktizierte
Fahrausbildung zu sprechen kamen. Er meinte, das System sei obsolet und
bedürfe dringend durchgreifender Verbesserung. Aber, so führte er weiter
aus, die eigentlich wünschenswerte, intensive obligatorische
Fahrausbildung für alle Führerscheinbewerber sei politisch schwer
durchzusetzen. Eines der Hindernisse dabei sei, dass die Fahrlehrer in
weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit - wahrscheinlich oft auch
zu Unrecht - nicht als ausreichend professionell angesehen würden.
Ich will dieses Statement weder bewerten
noch analysieren, aber ich will sagen, dass wir in Europa alles uns
Mögliche unternehmen sollten, dass uns nicht eines Tages Ähnliches
entgegengehalten werden kann. Dazu bedarf es einer klaren Richtung
innerhalb der EFA und der rückhaltlosen Unterstützung durch alle
Mitgliedsverbände. Nationale Egoismen und die engstirnige Verteidigung von
vermeintlich stabilen Markt-Idyllen haben da keinen Platz.
Die europäische Kommission hat den
ehrgeizigen Plan, den hohen Blutzoll auf den Straßen der EU bis zum Jahr
2010 um die Hälfte zu reduzieren. Das soll, ich zitiere, u. a. erreicht
werden durch
- Anreize für ein
verantwortungsbewussteres Verhalten im Straßen verkehr, das insbesondere
in stärkerer Beachtung der Regeln Ausdruck findet, sowie
- Ausbildung und kontinuierliche
Fortbildung der privaten und beruflichen Kraftfahrer.
Wenn die Kommission dieses in der Tat
ambitiöse Programm zum Erfolg führen will, also in den zurzeit 15 Staaten
der EU von heute 40.000 Verkehrstoten innerhalb von 7 Jahren auf die
freilich noch immer schlimme Zahl von 20.000 Toten herunterkommen will,
werden dafür - wie nie zuvor - pädagogisch kompetente Fahrlehrer benötigt.
Die Sterne stehen also für die Schaffung eines pädagogisch bestimmten und
in entscheidenden Punkten einheitlichen Berufsbildes nicht schlecht. Vor
dem Glauben an Wunder ist allerdings zu warnen. Wichtig ist, dass nun
möglichst bald ein ausbaufähiger Einstieg in die Harmonisierung der
Zugangsvoraussetzungen und der Ausbildung gelingt, wenn zunächst
vielleicht auch nicht auf der Höhe des eigentlich notwendigen Niveaus.
Mit der Verbesserung und Harmonisierung der
Erstausbildung der Fahrlehrer muss freilich auch eine verbindliche
Regelung über die kontinuierliche Fortbildung der heute schon tätigen
Kolleginnen und Kollegen einhergehen. Wenn ein Berufsverband höhere
Einstiegskriterien für die Berufsanfänger fordert, gleichzeitig aber seine
Mitglieder zur unantastbaren Spezies erklärt, sie quasi unter geistigen
Artenschutz stellt, verspielt er seine Glaubwürdigkeit und setzt sich dem
nur schwer auszuräumenden Verdacht aus, einen Closed Shop errichten zu
wollen.
Höhere Zugangskriterien, die namentlich in
den Schlüsselqualifikationen der Fahrlehreranwärter Ausdruck finden
müssen, sowie höhere Anforderungen an die Ausbildung und Fortbildung der
Fahrlehrer kommen der Verkehrssicherheit schon nach relativ kurzer Zeit
spürbar zugute. Dafür gibt es eindeutige Belege. Zugleich steigen das
soziale Prestige und die gesellschaftliche Akzeptanz des Berufes. Für
solche Ziele lohnt es sich zu kämpfen. Das sollte vor allem von jenen
Kräften bedacht werden, die sich heute noch den notwendigen Veränderungen
entgegenstellen." |