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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 08.12.03

 

© FahrSchulPraxis
Entnommen aus Ausgabe November/2003, Seite 553

Auf dem 10. Europäischen Fahrlehrer-Kongress der Europäischen Fahrlehrerassoziation (EFA), der vom 31.10. bis 01.11.2003 in Prag stattfand, hielt der Vizepräsident der Deutschen Fahrlehrer-Akademie e.V., Gebhard L. Heiler, ein stark beachtetes Referat zum Thema

Persönlichkeitsstruktur der Fahrlehrer-Anwärter

- Gedanken zu den Anforderungen der Zukunft -

das wir nachfolgend wiedergeben.

 

"Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

unter dem Begriff Berufsbild versteht man heute die Darstellung

  • der Zugangsvoraussetzungen,
  • des Ausbildungsgangs,
  • des Arbeitsgebiets,
  • der Aufstiegsmöglichkeiten sowie
  • der wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse

eines bestimmten Berufs. In den meisten europäischen Ländern nimmt der Staat starken, oftmals sogar bestimmenden Einfluss auf die Anerkennung von Berufsbildern, indem er entsprechende Gesetze und Verordnungen zum Berufszugang, zur Berufsausbildung und zur Berufsausübung erlässt.

Schaut man sich in den Staaten Europas um, trifft man auf sehr unterschiedliche Regelungen des Fahrlehrerwesens. Vielfach sind die wesentlichen Merkmale eines Berufsbildes nicht erfüllt, weil der Berufszugang und die Berufsausbildung nicht oder nur mangelhaft geregelt sind. Dagegen ist das Tätigkeitsfeld in aller Regel ziemlich klar: Der Fahrlehrer soll in wenigen Wochen und mit möglichst wenig Aufwand rechtstreue und allzeit gegen Unfälle gefeite Autofahrer hervorbringen. Dieser Anspruch steht in einem krassen Missverhältnis zu dem, was die Gesellschaft in vielen europäischen Staaten - oder soll man besser sagen die Politik - für die Förderung des Fahrlehrerberufs zu tun bereit ist. Die oft nur zögerliche Weiterentwicklung, ja Vernachlässigung des Berufsbildes der Fahrlehrer hat mehrere Ursachen. Da ist zum einen noch immer der Glaube an jenes pädagogische Naturtalent, das als Laie angeblich Gleiches oder gar Besseres zu leisten vermag als ein professioneller Fahrlehrer. Zum anderen fehlt es am öffentlichen Bewusstsein für die Anforderungen, die das Autofahren heute an Fahranfänger stellt. Hier hat sich in den letzten drei Jahrzehnten ein bedeutender Wandel vollzogen:

 Sicheres Autofahren verlangt heute weit weniger technisches Verständnis und Geschicklichkeit als vielmehr nachhaltig verankerte Verhaltenskompetenz. Dabei darf auch nicht übersehen werden, dass das Auto in der Hand von 18-Jährigen heute nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist, junge Menschen also, bei denen der geistige und charakterliche Reifeprozess noch in vollem Gange ist und die deshalb gerade auch fürs Autofahren verlässliche Stützen in Form von Werthaltungen und positiven Einstellungen brauchen.

Wir alle wissen, dass Verkehrssicherheit nicht das Ergebnis einer solitären Aktion, einer einzelnen Anstrengung ist. Verkehrssicherheit ist ein fortwährender Prozess, in den viele Disziplinen eingebunden sind: die Automobilkonstrukteure, die Straßenbauer, die Sicherheitsingenieure, die Juristen, die Polizei und viele mehr, nicht zu vergessen die vielen freiwilligen Initiativen und ihre Helfer. Dabei ist einer der wichtigsten Beiträge die Aus- und Fortbildung der Fahrer. Und die gehört in professionelle Hände. Wo aber Fahrschulen noch immer nur verkehrsrechtliche und fahrtechnische Inhalte vermitteln, müssen sie sich nach heutigem Verständnis fortentwickeln zu Ausbildungsstätten mit pädagogischem Anspruch. Nur hohe pädagogische Qualität gepaart mit profundem Fachwissen kann eine nachhaltige, den heutigen Verkehrsanforderungen genügende Fahrausbildung gewährleisten. Ein Niveau dieser Güte ist aber nur zu erreichen, wenn die Ausbildung der Fahrlehreranwärter

  • qua Gesetz obligatorisch ist,
  • die pädagogische Unterweisung im Mittelpunkt steht,
  • zeitlich ausreichend bemessen ist,
  • von qualitätskontrollierten Ausbildungsträgern ausgeführt wird.

Eine weitere zentrale Voraussetzung ist die Eignung der Interessenten für den Fahrlehrerberuf. Und damit bin ich bei meinem eigentlichen Thema.

Es liegt mir fern, die heute als Fahrlehrer tätigen Kolleginnen und Kollegen zu diskriminieren. Schließlich haben sich viele auf die eine oder andere Art und durch learning by doing pädagogische und didaktische Kenntnisse angeeignet und stellen sie täglich in der Praxis unter meist harten Konkurrenzbedingungen unter Beweis. Aber - das jedenfalls zeigt die Erfahrung - es gibt auch Fahrlehrer, und es sind so wenige nicht, die es mangels geistiger Eignung besser nicht geworden wären. Diese Leute sind nicht weiterbildungsfähig und außerstande, wissenschaftsorientiert zu denken und zu handeln. Für ihre Berufsausübung bedeutet dies, dass sie sich auf ein Minimalkonzept beschränken müssen, das man am griffigsten mit dem Wort Drill beschreibt. Fahrausbildung im pädagogischen Sinne ist das nicht, denn dabei geht es nur darum, dem Schnappschuss der Prüfung Genüge zu tun. Das, worauf es heute ankommt, nämlich Wertorientierung und Verhaltenskompetenz zu vermitteln, wird nicht geleistet.

Wenn die Europäische Union sich jetzt anschickt, den Beruf des Fahrlehrers zum Gegenstand der Harmonisierung zu erklären, dann darf von allem Anfang an nicht versäumt werden, die Zugangsvoraussetzungen - und hier namentlich die Bildungsvoraussetzungen - als einen zentralen Punkt der Agenda einzufordern. Das Augenmerk muss darauf gerichtet sein, den Fahrlehrerberuf vom Odium eines für jedermann offen stehenden Anlernberufs, eines sozusagen letzten beruflichen Rettungsankers, zu befreien. Es muss gelingen, inhaltlich - und auch terminologisch - vom Instruktor zum Lehrer zu gelangen.

Die Impulse hierzu müssen aus dem Berufsstand selbst kommen. Eine Zunft, die sich nicht um ihren Nachwuchs kümmert, verfehlt ihren Platz in der Gesellschaft und hat auf die Dauer keinen Bestand. Es hat neuerdings den Anschein, als ob die EU-Kommission nicht mehr alleine auf die national sehr unterschiedliche Fahrlehrerprüfung setzen wolle, wie das leider bislang noch der Fall ist. Wenn es so ist, dass auch die Ausbildung der Fahrlehrer in einer Art EU-Fahrlehrer-Ausbildungsrichtlinie geregelt werden soll, dann müssen die maßgeblichen Anregungen und Initiativen von dem dafür zuständigen supranationalen Verband kommen, und das ist die EFA.

Von der EFA ist zu fordern, dass sie nachdrücklich für angemessene Zugangsvoraussetzungen der Fahrlehreranwärter eintritt. Das heißt im Einzelnen:

  • höherer Bildungsabschluss oder ein entsprechender Bildungsnachweis,
  • Prüfung der körperlichen und charakterlichen Eignung und
  • ein Mindestalter, das die notwendige Reife vermuten lässt.

Nur wenn es gelingt, dieses Profil plus einer in sich schlüssigen fachlichen und pädagogischen Ausbildung durchzusetzen, hat der Beruf die Chance, das Mittelmaß zu überwinden und zu einem anerkannten pädagogischen Beruf aufzusteigen, um so den in Zukunft gestellten Anforderungen zu genügen.

Seit Gründung der EFA - ich war seinerzeit in Hamburg dabei - gab es immer wieder Resolutionen, die forderten, die Fahrausbildung durch Laien sei qua Gesetz abzuschaffen. Diese Forderung konnte, ja musste man immer gutheißen. Sie darf auch diesmal wieder gestellt werden. Aber ich gebe zu bedenken, dass die Chance ihrer Verwirklichung gering ist, solange sich der professionelle Fahrlehrer vom Laienfahrlehrer nur durch die einmalige geistige Anstrengung einer Prüfung, nicht aber durch eine spezifische fachliche und pädagogische Ausbildung und ein adäquates staatliches Abschlussexamen unterscheidet. Versetzen Sie sich, meine Damen und Herren, bitte einmal in die Lage eines Politikers, der für die Abschaffung der sog. Laienausbildung plädiert. Er würde sich vorhalten lassen müssen, für eine Berufsgruppe mit fragwürdiger Qualifikation ein Monopol einrichten zu wollen. Ein Haus, das halten und dauern soll, braucht ein solides Fundament. Übertragen auf den Fahrlehrerberuf sind die maßgeblichen Grundsteine

  • Prüfung der Eignung der Bewerber,
  • eine pädagogisch strukturierte, gesetzlich geregelte Ausbildung und
  • eine adäquate Abschlussprüfung.

Dieses Bild muss uns führen, um in Zukunft einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in Europa leisten zu können.

1978 hatte mich der Zentralverband der amerikanischen Fahrlehrer, die Driving School Association of the Americas (DSAA), gebeten, auf ihrer Jahreskonferenz in Los Angeles über das deutsche Fahrschulwesen zu sprechen. Ich berichtete dabei auch, dass es uns in Deutschland ein Jahr zuvor gelungen war, eine gesetzliche Regelung für die Ausbildung der Fahrlehreranwärter durchzusetzen. Dies bedeutete, dass ab 1. September 1977 jeder Fahrlehreranwärter eine amtlich anerkannte Ausbildungsstätte für Fahrlehrer besuchen und an einem ganztägigen, ununterbrochenen Lehrgang von 5 Monaten Dauer teilnehmen musste. Nach meinem Vortrag kam es zu einer lebhaften Diskussion. Tenor der Fahrschulunternehmer war, dass eine solche Regelung für die USA nicht in Frage komme, weil dies zwangsläufig zu einer unerträglichen Verteuerung der Arbeitskräfte führe. Ich weiß, dass in den USA eine ganze Reihe der sog. Commercial Driving Schools, also der privatwirtschaftlichen Fahrschulen, hervorragende Arbeit leistet. Aber sie kämpfen einen schweren Kampf gegen die meist unlautere, weil staatlich finanzierte Konkurrenz der Highschools, deren Lehrer den Jugendlichen mit einem Minimalprogramm zum leichten Führerschein verhelfen.

Vor kurzer Zeit hatte ich ein längeres Gespräch mit einem hohen Beamten der amerikanischen Verkehrsverwaltung, in dessen Verlauf wir auch auf die heute in den USA praktizierte Fahrausbildung zu sprechen kamen. Er meinte, das System sei obsolet und bedürfe dringend durchgreifender Verbesserung. Aber, so führte er weiter aus, die eigentlich wünschenswerte, intensive obligatorische Fahrausbildung für alle Führerscheinbewerber sei politisch schwer durchzusetzen. Eines der Hindernisse dabei sei, dass die Fahrlehrer in weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit - wahrscheinlich oft auch zu Unrecht - nicht als ausreichend professionell angesehen würden.

Ich will dieses Statement weder bewerten noch analysieren, aber ich will sagen, dass wir in Europa alles uns Mögliche unternehmen sollten, dass uns nicht eines Tages Ähnliches entgegengehalten werden kann. Dazu bedarf es einer klaren Richtung innerhalb der EFA und der rückhaltlosen Unterstützung durch alle Mitgliedsverbände. Nationale Egoismen und die engstirnige Verteidigung von vermeintlich stabilen Markt-Idyllen haben da keinen Platz.

Die europäische Kommission hat den ehrgeizigen Plan, den hohen Blutzoll auf den Straßen der EU bis zum Jahr 2010 um die Hälfte zu reduzieren. Das soll, ich zitiere, u. a. erreicht werden durch

  • Anreize für ein verantwortungsbewussteres Verhalten im Straßen verkehr, das insbesondere in stärkerer Beachtung der Regeln Ausdruck findet, sowie
  • Ausbildung und kontinuierliche Fortbildung der privaten und beruflichen Kraftfahrer.

Wenn die Kommission dieses in der Tat ambitiöse Programm zum Erfolg führen will, also in den zurzeit 15 Staaten der EU von heute 40.000 Verkehrstoten innerhalb von 7 Jahren auf die freilich noch immer schlimme Zahl von 20.000 Toten herunterkommen will, werden dafür - wie nie zuvor - pädagogisch kompetente Fahrlehrer benötigt. Die Sterne stehen also für die Schaffung eines pädagogisch bestimmten und in entscheidenden Punkten einheitlichen Berufsbildes nicht schlecht. Vor dem Glauben an Wunder ist allerdings zu warnen. Wichtig ist, dass nun möglichst bald ein ausbaufähiger Einstieg in die Harmonisierung der Zugangsvoraussetzungen und der Ausbildung gelingt, wenn zunächst vielleicht auch nicht auf der Höhe des eigentlich notwendigen Niveaus.

Mit der Verbesserung und Harmonisierung der Erstausbildung der Fahrlehrer muss freilich auch eine verbindliche Regelung über die kontinuierliche Fortbildung der heute schon tätigen Kolleginnen und Kollegen einhergehen. Wenn ein Berufsverband höhere Einstiegskriterien für die Berufsanfänger fordert, gleichzeitig aber seine Mitglieder zur unantastbaren Spezies erklärt, sie quasi unter geistigen Artenschutz stellt, verspielt er seine Glaubwürdigkeit und setzt sich dem nur schwer auszuräumenden Verdacht aus, einen Closed Shop errichten zu wollen.

Höhere Zugangskriterien, die namentlich in den Schlüsselqualifikationen der Fahrlehreranwärter Ausdruck finden müssen, sowie höhere Anforderungen an die Ausbildung und Fortbildung der Fahrlehrer kommen der Verkehrssicherheit schon nach relativ kurzer Zeit spürbar zugute. Dafür gibt es eindeutige Belege. Zugleich steigen das soziale Prestige und die gesellschaftliche Akzeptanz des Berufes. Für solche Ziele lohnt es sich zu kämpfen. Das sollte vor allem von jenen Kräften bedacht werden, die sich heute noch den notwendigen Veränderungen entgegenstellen."

 

FahrSchulPraxis - Ausgabe November 2003

Erscheinungsdatum 15.11.2003

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